An wem hat Allah Wohlgefallen?


Die Vollendung von Allahs Heilsplan in Maide 5:109–120
Wir haben Maide 5:109–120 als zusammenhängende Szene gelesen, in deren Zentrum das Gespräch zwischen Allah und Jesus steht. Allah erinnert zunächst an die besonderen Gnadengaben, die er Jesus erwiesen hat, und stellt ihn am Ende seines irdischen Wirkens zur Rede. Jesus bezeugt seine Treue: Er habe den Menschen nichts anderes gesagt, als was Allah ihm aufgetragen habe – nämlich Allah zu dienen, seinem Herrn und dem Herrn der Menschen. Anschließend tritt Jesus für seine Nachfolger ein. Auf diese Fürsprache folgt in 5:119 Allahs abschließende Antwort.
Nach unserer Lesart beschreibt dieser Abschnitt eine große Bewegung:
Allah schenkt – Jesus empfängt und gehorcht – Jesus tritt für seine Nachfolger ein – Allah nimmt seine Fürsprache an – die Wahrhaftigen werden aufgenommen – Allah hat Wohlgefallen an ihnen und sie an Ihm.
Damit ist Maide 5:119 nicht einfach ein allgemeiner Satz über die Belohnung guter Menschen. Der Vers bildet vielmehr den Höhepunkt des vorausgehenden Dialogs. Allahs Gnadengaben an Jesus und Jesu vollkommener Gehorsam führen schließlich zur Rückführung seiner wahrhaftigen Nachfolger in die Gegenwart Allahs.
Unsere These ist dabei bewusst spezifisch: Die außergewöhnlichen Gnadengaben, die Allah Jesus in Maide 5:109–115 zuschreibt, weisen ihn nach unserer Interpretation als seinen Stellvertreter – als Kalifen – in einer zweiten Schöpfungsordnung aus. Jesus erfüllt diese Aufgabe gerade dadurch, dass er sich niemals gegen Allah erhebt. Darin unterscheidet er sich grundlegend von Adam und von Satan in der ersten Schöpfungsordnung.
Die folgenden Überlegungen wollen deshalb zeigen, was Maide 5:119 bedeutet, wenn man den Vers nicht isoliert, sondern als Abschluss der gesamten Szene liest.
1. Jesu Fürsprache und Allahs Antwort
Der Übergang von Maide 5:118 zu 5:119 ist besonders auffällig.
Jesus sagt:
„Wenn Du sie bestrafst, so sind sie Deine Diener; und wenn Du ihnen vergibst, so bist Du der Allmächtige, der Allweise.“(Maide 5:118)Unmittelbar danach folgt Allahs Antwort:
„Allah wird gewiß sagen: Dies ist der Tag, an dem die Wahrhaftigen von ihrer Wahrhaftigkeit Nutzen ziehen werden. Ihnen werden Gärten zuteil, in deren Niederungen Bäche fließen, und in denen sie ewig weilen werden. Allah hat Wohlgefallen an ihnen, und sie haben Wohlgefallen an Ihm. Das ist der große Erfolg.“(Maide 5:119)Die Reihenfolge verdient Beachtung. Zuerst spricht Jesus über seine Nachfolger und bittet für sie. Dann spricht Allah über diejenigen, denen ihre Wahrhaftigkeit am Gerichtstag zum Nutzen gereicht.
Damit liegt eine naheliegende Frage auf der Hand:
Ist 5:119 vielleicht gerade die Antwort Allahs auf Jesu Fürsprache in 5:118?
Ein sprachlicher Zusammenhang macht diese Frage besonders interessant. In Maide 5:119 steht yanfaʿu – „nützen“. Im Zusammenhang mit der Fürsprache verwendet der Koran in Ta-Ha 20:109 die entsprechende Form tanfaʿu: An jenem Tag wird Fürsprache nicht nützen, außer unter den von Allah gesetzten Bedingungen.1
Die gemeinsame Wurzel n-f-ʿ bezeichnet Nutzen, Vorteil oder Hilfe. Das beweist allein noch nicht, dass yanfaʿu in Maide 5:119 ausdrücklich „Jesu Fürsprache wird angenommen“ bedeutet. Aber im unmittelbaren Kontext ist die Verbindung bemerkenswert: In 5:118 tritt Jesus als Fürsprecher auf; in 5:119 wird unmittelbar danach erklärt, dass die Wahrhaftigen am selben Tag Nutzen aus ihrer Wahrhaftigkeit ziehen.
Die beiden Verse lassen sich deshalb als eine zusammenhängende Bewegung lesen:
Jesus bittet – Allah antwortet – die Fürsprache bringt den Betroffenen Nutzen.
Das ist besonders interessant im Licht von Ta-Ha 20:109. Dort wird Fürsprache nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Vielmehr wird sie unter Allahs Autorität gestellt: Sie kann nur dann nützen, wenn Allah sie erlaubt und das Wort des Fürsprechers Ihm wohlgefällig ist.
Genau hier erhält Maide 5:116–117 besonderes Gewicht.
Jesus wird gefragt, ob er die Menschen aufgefordert habe, ihn und seine Mutter neben Allah zu Göttern zu nehmen. Seine Antwort lautet sinngemäß: Er habe nur das gesagt, was Allah ihm befohlen habe:
„Betet Allah an, meinen Herrn und euren Herrn.“Jesus weist damit jede selbständige göttliche Autorität zurück. Seine Worte stehen vollständig unter Allahs Auftrag. Die Szene präsentiert Jesus deshalb gerade als denjenigen, dessen Worte mit dem Willen Allahs übereinstimmen.
Wenn Ta-Ha 20:109 als Kriterium für wirksame Fürsprache das Allah wohlgefällige Wort des Fürsprechers nennt, dann erscheint Jesus in Maide 5:116–118 bemerkenswert genau in dieser Rolle.
Das bedeutet nicht, dass Jesus unabhängig von Allah handelt. Im Gegenteil: Seine Fürsprache ist gerade deshalb wirksam, weil sie vollständig innerhalb von Allahs Willen steht.
Dass Allah Jesu Fürsprache erlaubt, wird in Maide 5:109f. ausdrücklich erklärt: Allah wählt Jesus bewusst aus allen seinen anderen Gesandten aus um Bericht über seine Anhänger zu erstatten.
Damit wird Jesu Fürsprache zu einer weiteren Gnadengabe Allahs an ihn.
2. Warum wird Jesus in dieser Szene so stark hervorgehoben?
Maide 5:109 beginnt mit der Versammlung der Gesandten. Allah fragt sie, welche Antwort sie von ihren Völkern erhalten haben. Danach wendet er sich ausdrücklich an Jesus und erinnert ihn an die außergewöhnlichen Gnadengaben, die er ihm gegeben hat.
Zu diesen Gaben gehören unter anderem:
seine besondere Erwählung,
seine außergewöhnliche Geburt,
die Stärkung durch den Heiligen Geist,
die Gabe von Weisheit und Offenbarung,
die außergewöhnlichen Zeichen,
seine besondere Beziehung zu seinen Jüngern,
die Himmelsspeise,
und schließlich seine besondere Rolle im abschließenden Gerichtsdialog.
Die Aufzählung ist nicht zufällig. Sie bildet eine Entwicklung.
Allah gibt Jesus etwas --> Jesus empfängt es --> Jesus handelt damit --> Menschen reagieren auf Jesus --> am Ende wird Jesus selbst zum Fürsprecher dieser Menschen.
Unsere Interpretation versteht diese Gesamtheit der Gnadengaben als Hinweis darauf, dass Jesus in einer zweiten Schöpfungsordnung eine Stellvertreterrolle erhält.
Der Begriff „Kalif“ ist dabei eine theologische Synthese und keine ausdrückliche Selbstbezeichnung Jesu in Maide 5:109–120. Gerade deshalb sollte die Argumentation nicht auf einem einzelnen Wort beruhen. Entscheidend ist vielmehr die Struktur des gesamten Abschnitts: Allah erwählt Jesus, stattet ihn aus, gibt ihm einen besonderen Auftrag und macht ihn zum entscheidenden Bezugspunkt für andere Menschen.
Wenn Jesus Kalif ist, bedeutet das in dieser Lesart nicht, dass er Allah gegenüber eine selbständige Herrschaft errichtet. Seine Stellvertretung zeigt sich gerade in seinem vollkommenen Gehorsam.
Jesus ist der treue Stellvertreter, weil er den Willen desjenigen vollkommen verkörpert, der ihn eingesetzt hat.
3. Was ist die „Wahrheit“, und wer sind die Wahrhaftigen?
Hier liegt ein entscheidender Punkt unserer Interpretation.
Das arabische ṣādiqīn bedeutet nicht von sich aus „Jesu Nachfolger“. Auch ṣidq bedeutet nicht automatisch „Glaube an Jesus als Kalifen“. Solche Bedeutungen können nicht einfach aus dem Wörterbuch abgeleitet werden.
Die Frage muss deshalb anders gestellt werden:
Welche Wahrheit und welche Wahrhaftigkeit sind in diesem konkreten Kontext gemeint?
Allahs Zusage in Maide 5:119 - 'die Anhänger der Wahrheit' ziehen aus 'ihrer Wahrhaftigkeit Nutzen' –, gilt aus dem Textzusammenhang zunächst Jesus selbst. Er war Allah vollkommen gehorsam und hat nur die Wahrheit gesagt.2
Jesu Worte der Fürsprache für seine Anhänger fallen damit auch in die Kategorie der Wahrheit. Allah bekräftigt hier zunächst einmal, dass Jesu Fürsprache in Maide 5:118 akzepiert ist.
Muslimische Exegeten verstehen ṣidq allgemein als Aufrichtigkeit gegenüber Allah, Wahrhaftigkeit des Glaubens, Treue zu Verpflichtungen und Übereinstimmung von Worten und Taten. Diese allgemeine Bedeutung ist mit unserem Ansatz durchaus vereinbar.3
Wir fragen jedoch weiter: Worauf richtet sich diese Wahrhaftigkeit innerhalb von Maide 5:109–119?
Der Kontext beginnt nicht mit einer allgemeinen Abhandlung über Moral. Er beginnt mit der Versammlung der Gesandten und einer ausdrücklichen Anrede an Jesus. Anschließend werden ausführlich die Gnadengaben genannt, die Allah gerade Jesus gegeben hat. Danach folgt die Prüfung seiner Treue, seine Fürsprache und schließlich die Verheißung an die Wahrhaftigen.
Es liegt deshalb nahe, zunächst die Wahrheit zu bestimmen, die in diesem Abschnitt über Jesus offenbart wird.
Unsere Antwort lautet:
Die Wahrheit besteht darin, was Allah über Jesus offenbart und welche Stellung er ihm gegeben hat.
Die Wahrhaftigkeit besteht entsprechend darin, auf diese Wahrheit angemessen zu reagieren.
Damit entsteht eine dreigliedrige Bewegung:
Wahrheit über Jesus → wahrhaftige Reaktion auf Jesus → Nutzen dieser Wahrhaftigkeit am Gerichtstag.
Das ist eine kontextuelle Schlussfolgerung. Wir behaupten nicht, dass das Wort ṣādiqīn lexikalisch „Menschen, die Jesus als Allahs Kalifen anerkennen“ bedeutet. Vielmehr behaupten wir, dass der unmittelbare Kontext von Maide 5:109–119 den Inhalt der Wahrheit und damit auch die konkrete Gestalt der Wahrhaftigkeit bestimmt.
4. Die Wahrhaftigen reagieren auf die von Allah offenbarte Wahrheit
Maide 5:111–115 beschreibt die Reaktion der Jünger auf Jesus.
Sie bekennen ihren Glauben an Allah und seinen Gesandten Jesus und erklären, dass sie sich Allah ergeben haben. Danach bitten sie um die Herabsendung der Himmelsspeise. Jesus richtet diese Bitte wiederum an Allah.
Der Abschnitt verbindet damit mehrere Elemente:
Glaube – Zeugnis – Gehorsam – Gemeinschaft – Erinnerung.
In unserer christlich orientierten Lesart erinnern diese Elemente an Taufe und Abendmahl. Die Taufe bezeichnet die Eingliederung in die Nachfolge Jesu; die gemeinsame Mahlfeier erinnert an die fortgesetzte Gemeinschaft der Nachfolger.
Diese Verbindung ist wie in früheren Blogs ausgeführt eine theologische Deutung von Maide 5:111-115. Sie wird im Koran nicht mit den exakt lexikalischen Begriffen ausgesprochen. Sie macht jedoch verständlich, warum Wahrhaftigkeit in unserem Deutungsrahmen mehr bedeutet als die Zustimmung zu einem Lehrsatz und der Einhaltung von gewissen Geboten.
Die Wahrheit über Jesus verlangt eine Antwort.
Die wahrhaftige Reaktion besteht darin, Jesus als den von Allah eingesetzten Vermittler seines Willens anzunehmen und entsprechend zu handeln. Es geht um die Beziehung zu Jesus (Taufe) und die Eingliederung in die Gemeinschaft seiner Nachfolger (Abendmahl).
Damit ist nicht einfach die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgruppe gemeint. Entscheidend ist die richtige Reaktion auf Allahs Offenbarung über Jesus.
5. Adam und Jesus – zwei Stellvertreter, zwei Reaktionen

An dieser Stelle wird die Parallele zur ersten Schöpfung wichtig.
In Bakara 2:30–31 kündigt Allah die Einsetzung Adams an. Adam erhält eine besondere Stellung und eine besondere Gabe von Allah. Die Engel erkennen ihre begrenzte Erkenntnis an.
In den späteren Erzählungen über Iblis wird dann die entscheidende Frage sichtbar: Wie reagieren die Geschöpfe auf die von Allah verliehene Stellung Adams?
Iblis weigert sich.
Seine Begründung ist bekannt:
„Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Ton erschaffen.“Iblis beurteilt Adam nach seinen eigenen Kriterien. Er akzeptiert nicht, dass Allah Adam eine besondere Stellung gegeben hat.
In unserer Interpretation liegt darin das Grundmuster der ersten Schöpfung:
Allah setzt seinen Stellvertreter ein – und ein Geschöpf weigert sich, diese von Allah gesetzte Ordnung anzuerkennen.
Jesus erscheint in Maide 5:109–119 als Gegenbild.
Auch Jesus empfängt seine Stellung vollständig von Allah. Doch er erhebt sich nicht gegen Allah. Als Allah ihn fragt, ob er die Menschen aufgefordert habe, ihn und seine Mutter neben Allah als Götter zu nehmen, antwortet Jesus mit einer radikalen Erklärung seiner Abhängigkeit:
„Ich habe ihnen nur gesagt, was Du mir befohlen hast.“Jesus beansprucht keine Selbstherrschaft. Er stellt sich vollständig unter den Auftrag Allahs.
Damit entsteht ein starkes Gegenüber:
Erste Schöpfung | Zweite Schöpfung |
Adam erhält eine besondere Stellung | Jesus erhält eine besondere Stellung |
Engel unterwerfen sich Adam in Gehorsam | Jünger unterwerfen sich Jesus in gehorsamer Nachfolge einschliesslich Taufe und Abendmahl |
Iblis lehnt Allahs Ordnung ab4 | Einige Menschen lehnen Jesu Stellung ab |
Hochmut führt zur Trennung und Bestrafung5 | Gehorsam führt zur Rückführung und Wiederherstellung |
Adam lehnt sich gegen Allahs Gebot auf | Jesus bezeugt vollkommenen Gehorsam |
Der Mensch wird aus dem Paradies vertrieben | Die wahrhaftigen Nachfolger werden ins Paradies aufgenommen |
Der Koran formuliert diese Gegenüberstellung nicht ausdrücklich als „erste“ und „zweite“ Schöpfung. Sie ist das Ergebnis unserer vergleichenden Interpretation. Dennoch erklärt sie, warum der Gehorsam Jesu in Maide 5:116–117 für die Gesamtargumentation so wichtig ist.
Was in der Geschichte Adams scheitert, wird in Jesus nicht wiederholt.
6. Jesu Nachfolger sind nicht sündlos
Jesu Fürsprache erhält noch aus einem anderen Grund besonderes Gewicht.
Jesus sagt nicht:
„Diese Menschen sind vollkommen und verdienen deshalb Vergebung.“
Er sagt:
„Wenn Du sie bestrafst, so sind sie Deine Diener; und wenn Du ihnen vergibst, so bist Du der Allmächtige, der Allweise.“Jesu Fürsprache setzt also voraus, dass seine Nachfolger weiterhin der göttlichen Beurteilung unterliegen. Sie sind nicht deshalb gerettet, weil jedes Detail ihres Lebens vollkommen wäre.
Genau hier wird die Fürsprache zu einer entscheidenden Gnadengabe.
Wenn Allah Jesu Fürsprache annimmt, dann kann die Aufnahme der Nachfolger nicht einfach als mechanische Belohnung für moralische Vollkommenheit verstanden werden.
Die Menschen bleiben Diener Allahs. Sie bleiben verantwortlich. Aber Jesus tritt für sie ein.
Damit entsteht ein bemerkenswerter Zusammenhang:
Die Menschen werden nicht wegen ihrer Sündlosigkeit angenommen, sondern trotz ihrer Unvollkommenheit auf dem von Allah eröffneten Weg der Gnade.
Das bedeutet nicht, dass gute Werke oder Gehorsam bedeutungslos wären. Im Gegenteil: Die Wahrhaftigkeit der Menschen ist ausdrücklich das Kriterium, das in 5:119 genannt wird. Aber ihre Wahrhaftigkeit ist nicht dasselbe wie Sündlosigkeit.
Jesu Fürsprache macht gerade für unvollkommene Nachfolger einen Unterschied.
In unserer Interpretation ist dies eine weitere Gnadengabe Allahs an Jesus: Allah verleiht ihm die Autorität, erfolgreich für seine Nachfolger einzutreten. Jesus darf für sie um Allahs Vergebung und Erbarmen einstehen. Durch Jesu Fürsprache erhalten seine Nachfolger Sündenvergebung, sie werden unverdienterweise zu der Wahrheit wahrhaftigen Menschen.
7. Vom Einen zu den Vielen
Hier ergibt sich eine bemerkenswerte Parallele zu Paulus.
In Römer 5 beschreibt Paulus einen grundlegenden Gegensatz zwischen Adam und Christus: Durch den Ungehorsam des Einen kommt Verurteilung über die Vielen; durch den Gehorsam des Einen wird den Vielen Leben und Rechtfertigung eröffnet.
'Jedoch verhält es sich mit der Gnadengabe (Jesu) nicht so wie mit der Übertretung (Adams). Denn wenn (dort) die Übertretung des Einen den Tod der Vielen zur Folge gehabt hat, so hat sich (hier) die Gnade Gottes und die Gnadengabe des einen Menschen Jesus Christus erst recht an den Vielen überreich erwiesen. … Also: wie es durch eine einzige Übertretung für alle Menschen zum Verdammungsurteil gekommen ist, so kommt es auch durch eine einzige Rechttat für alle Menschen zur lebenwirkenden Rechtfertigung. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen als Sünder hingestellt worden sind, ebenso werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen als Gerechte hingestellt werden.'Paulus entwickelt damit selbstverständlich seine eigene christliche Theologie. Der Korantext ist nicht einfach eine Wiederholung von Römer 5.
Dennoch ist die strukturelle Parallele auffällig:
Der Eine handelt – und sein Handeln hat Folgen für die Vielen.
Bei Adam führt der Ungehorsam in die Trennung. Bei Jesus führt der Gehorsam in die Wiederherstellung.
Genau diese Rückführungsbewegung erkennen wir auch in unserer Lektüre von Maide 5:109–120:
Allah erweist dem Einen seine Gnade. Der Eine bleibt treu. Durch ihn werden die Vielen geführt. Die Vielen reagieren wahrhaftig, sind aber nicht perfekt. Allah nimmt sie schließlich als Reaktion auf Jesu Fürsprache wieder in seine Gegenwart auf.
Die Bewegung geht somit von Allah zu Jesus und von Jesus zu den Menschen – und durch Jesus wieder zurück zu Allah.
8. Was bedeutet „Allah hat Wohlgefallen an ihnen“?
Damit erreichen wir den Höhepunkt von Maide 5:119.
Allah verspricht den Wahrhaftigen:
Gärten, unter denen Bäche fließen;
ewigen Aufenthalt;
Allahs Wohlgefallen an ihnen;
ihr eigenes Wohlgefallen an Allah.
Die Aufzählung steigert sich.
Das Paradies ist nicht das letzte Wort.
Noch größer ist die Beziehung zu Allah selbst.6
Dies wird auch in Tövbe 9:72 deutlich: Allahs Wohlgefallen wird dort als größer als die materiellen Freuden des Paradieses beschrieben. Das bedeutet: Das Ziel der Rettung besteht nicht lediglich darin, einen angenehmen Ort zu erhalten. Das eigentliche Ziel ist die wiederhergestellte Beziehung zu Gott.7
Gerade deshalb ist die Formulierung in Maide 5:119 so bemerkenswert:
Allah ist mit ihnen zufrieden – und sie sind mit Allah zufrieden.
Hier begegnet eine gegenseitige Beziehung.
Der Mensch ist nicht mehr nur Empfänger von Geschenken. Er empfängt Allahs Wohlgefallen selbst.8
Und Allah beschreibt nicht nur, dass der Mensch mit dem Paradies zufrieden ist. Er erklärt ausdrücklich, dass der Mensch mit Ihm zufrieden ist.
Damit wird die Beziehung selbst zum Ziel.
9. Wohlgefallen – mehr als Belohnung
Muslimische Theologen haben immer wieder darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass Allah „zufrieden“ oder „wohlgefällig“ ist. Die Erklärung 'Weil sie ihr ganzes Leben lang danach gestrebt haben, Allah zufrieden zu stellen, war Allah mit ihnen zufrieden. Nun sind auch sie mit den Paradiesen zufrieden, die ihr Herr ihnen geschenkt hat."9 reicht nicht aus um die Tiefe des gegenseitigen Wohlgefallens zu beschreiben. Razi trifft es besser wenn er schreibt, "in der Aussage des Verses «Er ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit Ihm zufrieden»› verbergen sich ‹wundersame Geheimnisse, die mit Worten nicht ausgedrückt werden können."10

Eine einfache psychologische Vorstellung – Allah erlebt eine Veränderung seiner Stimmung – passt nicht zu einem Gottesverständnis, das Allah als unveränderlich denkt.
Deshalb verstehen manche theologischen Traditionen riḍā nicht als emotionale Veränderung in Allah, sondern als seine bleibende Annahme, Ehrung, Belohnung und Zuwendung zum Menschen.11
Diese Deutung ist für unsere Argumentation hilfreich.
Denn Maide 5:119 muss dann nicht bedeuten, dass Allah im Jenseits plötzlich eine neue emotionale Haltung gegenüber bestimmten Menschen entwickelt. Vielmehr kann der Vers als Offenbarung des endgültigen Zustands verstanden werden, den Allah für diese Menschen seit Ewigkeit vorgesehen hat.
Sein Wohlgefallen ist die Vollendung seines Heilsplans.
Damit gewinnt auch das gegenseitige Wohlgefallen eine tiefere Bedeutung:
Allah nimmt den Menschen wieder an – und der Mensch findet seine endgültige Erfüllung in Allah.
10. Die biblische Parallele: „Geh hinein zu deines Herrn Freude“
Eine auffällige Parallele findet sich im Gleichnis von den anvertrauten Talenten:
„Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!“(Matthäus 25:21)Hier begegnen mehrere Motive, die an Maide 5:119 erinnern:
Treue während des irdischen Lebens,
Anerkennung durch den Herrn,
Aufnahme in seine Freude,
und eine neue, erhöhte Stellung.
Der Mensch wird nicht einfach mit einem materiellen Gegenstand belohnt. Er wird in die Freude seines Herrn aufgenommen.
Das ist mehr als Lohn. Es ist Gemeinschaft.
Noch stärker wird dieses Motiv in Offenbarung 22:3–5:
„Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte werden ihm dienen und sein Angesicht sehen ... und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“Hier verbinden sich drei Elemente:
Dienerschaft – Gottes Gegenwart – Mitregieren.
Die Geretteten bleiben Gottes Diener. Aber ihre Dienerschaft bedeutet nicht mehr Distanz oder Unterdrückung. Sie werden in Gottes Herrlichkeit hineingenommen und sogar an seiner Herrschaft beteiligt.
Das erinnert strukturell an Maide 5:119: Die Menschen bleiben Allahs Diener, werden aber zugleich in seine Gegenwart aufgenommen und empfangen eine endgültige Erhöhung.
11. Gottes Angesicht und die Vollendung der Beziehung
Das Motiv des Schauens auf Gottes Angesicht ist im Alten Testament eng mit der Gegenwart und Gunst Gottes verbunden. Auch in der klassischen islamischen Theologie wurde die ruʾyat Allāh, das Schauen Allahs, als höchste jenseitige Gunst diskutiert.12
Offenbarung 22 führt dieses Motiv bis zu seinem äußersten Punkt:
Die Knechte Gottes sehen sein Angesicht.
Damit wird das Ziel der Rettung als unmittelbare Gegenwart Gottes beschrieben.
Wenn wir diese biblische Vorstellung mit Maide 5:119 vergleichen, ergibt sich eine überraschende Nähe. Das „Wohlgefallen“ Allahs ist dann nicht lediglich Gottes Bereitschaft, einen Menschen mit einem angenehmen Jenseits zu belohnen. Es bezeichnet die endgültige Wiederherstellung einer Beziehung.
Die Menschen sind wieder dort, wohin sie gehören:
in der Gegenwart ihres Schöpfers.
12. Vom Diener zum vertrauten Gegenüber
Das Bild der Braut in Offenbarung 19 führt diese Vorstellung noch weiter.
Die Heiligen erscheinen als Braut, gekleidet in „gerechtes Tun“. Jesus wird als Bräutigam dargestellt.
"Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Frau hat sich bereitet. 8Und es wurde ihr gegeben, sich zu kleiden in Seide, glänzend und rein. – Die Seide aber ist das gerechte Tun der Heiligen." (Offenbarung 19:7-8)Natürlich ist dieses Bild nicht einfach mit Maide 5:119 gleichzusetzen. Es gehört in einen spezifisch christlichen eschatologischen Zusammenhang.
Aber als Vergleich macht es etwas sichtbar, das auch im koranischen Ausdruck des gegenseitigen Wohlgefallens auffällt:
Die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird nicht nur als Verhältnis von Gesetzgeber und Untertan beschrieben.
Sie wird zu einer Beziehung tiefster Zugehörigkeit und Vertrautheit.
Maide 5:119 sagt nicht nur:
„Allah belohnt sie.“
Der Vers sagt:
„Allah hat Wohlgefallen an ihnen, und sie haben Wohlgefallen an Ihm.“
Das ist beziehungsorientiert.
Die höchste Gabe ist nicht nur etwas, das Allah gibt.
Die höchste Gabe ist Allah selbst als derjenige, zu dem der Mensch zurückkehrt.
13. Das Zeichen der endgültigen Annahme
Offenbarung 22 beschreibt diesen Zustand mit weiteren Bildern: Gottes Name steht auf den Stirnen seiner Diener; sie sehen sein Angesicht; es gibt keine Nacht mehr; und sie regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit:
"Und es wird nichts Verfluchtes mehr sein. Und der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und seine Knechte werden ihm dienen 4und sein Angesicht sehen, und sein Name wird an ihren Stirnen sein. 5Und es wird keine Nacht mehr sein, und sie bedürfen nicht des Lichts einer Lampe und nicht des Lichts der Sonne; denn Gott der Herr wird über ihnen leuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit." (Offenbarung 22:3-5)Das sind Bilder endgültiger Zugehörigkeit.
Der Name auf der Stirn bezeichnet öffentlich und dauerhaft, wem diese Menschen gehören.13
Das Schauen des Angesichts bezeichnet unmittelbare Gegenwart. Das Mitregieren bezeichnet Erhöhung und Teilhabe.
Zusammengefasst ergibt sich:
Zugehörigkeit – Gegenwart – Teilhabe.
Auch hier liegt eine interessante Parallele zu Maide 5:119 vor. Allahs Wohlgefallen bleibt nicht abstrakt. Es wird in einem endgültigen Zustand der Gemeinschaft sichtbar.
Das Paradies ist deshalb nicht einfach die Bezahlung für richtiges Verhalten.
Es ist die Vollendung einer Beziehung.
14. Vom verlorenen Paradies zur endgültigen Gegenwart
Damit lässt sich die große Bewegung von Adam zu Jesus noch einmal aufnehmen.
In der ersten Schöpfung steht Adam im Paradies. Der Mensch verliert diese ursprüngliche Nähe zu Allah durch Ungehorsam. Der Koran beschreibt danach die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte von Prüfung, Verfehlung, Rechtleitung und Rückkehr.
In Maide 5:109–120 erscheint Jesus in unserer Lesart als derjenige, der diese Rückkehr in besonderer Weise vermittelt.
Allah stattet ihn aus.
Jesus bleibt gehorsam.
Jesus lehrt die Menschen.
Menschen reagieren wahrhaftig.
Jesus tritt für sie ein.
Allah nimmt seine Fürsprache an.
Die Wahrhaftigen werden aufgenommen.
Und schließlich lautet das Ergebnis:
Allah hat Wohlgefallen an ihnen, und sie an Ihm.
So wird aus dem Paradies nicht einfach eine Wiederholung des ursprünglichen Zustandes. Es wird zur endgültigen Vollendung.
Der Mensch kehrt nicht nur zurück.
Er kehrt verwandelt zurück.
15. Warum wiederholt sich der Sündenfall nicht?
Eine naheliegende Frage bleibt:
Was garantiert, dass die Geschichte Adams im endgültigen Paradies nicht noch einmal beginnt?
Der Koran beantwortet diese Frage an verschiedenen Stellen mit mehreren Motiven: Satan wird endgültig besiegt; die Bewohner des Paradieses werden von negativen Eigenschaften gereinigt; sie leben ohne Mangel und ohne die Bedingungen, die in der irdischen Prüfung zur Sünde führen können.14
So beschreibt etwa Hidschr 15:47–48 die Reinigung der Herzen und den dauerhaften Aufenthalt im Paradies. Die Menschen werden nicht wieder daraus vertrieben.
In unserer großen Deutung ergibt sich daraus ein entscheidender Unterschied zwischen erster und zweiter Schöpfungsordnung:
Die erste Schöpfungsordnung ist von Prüfung und Fall geprägt; die endgültige Ordnung ist von vollendeter Treue und dauerhafter Gegenwart Allahs geprägt.
Jesus spielt dabei eine Schlüsselrolle. Nicht weil er Allah ersetzt, sondern weil Allah durch ihn seinen Heilsplan zur Vollendung führt.
16. Die Gnade steht am Anfang und am Ende
Damit wird auch eine mögliche Spannung zwischen göttlicher Gnade und menschlicher Antwort verständlich.
Die Menschen werden nicht aufgrund ihrer eigenen Leistung zu Allah zurückgebracht.
Alles beginnt mit Allahs Gnade:
Allah erwählt Jesus.
Allah stattet Jesus aus.
Allah führt Menschen zu Jesus.
Allah gibt Jesus die Möglichkeit, für sie einzutreten.
Allah nimmt die Fürsprache an.
Allah nimmt die Wahrhaftigen in seine Gegenwart auf.
Und dennoch nimmt Allah die Antwort der Menschen ernst. Ihre Wahrhaftigkeit ist nicht bedeutungslos. Ihr Glaube, ihre Treue und ihr Gehorsam werden von Allah ausdrücklich anerkannt.
Man könnte deshalb sagen:
Die Errettung beginnt vollständig mit Allahs Gnade, und dennoch macht Allah die wahrhaftige Antwort des Menschen zu einem wirklichen Bestandteil seines Heilsweges.
Das ist keine Konkurrenz zwischen göttlichem und menschlichem Handeln. Die menschliche Antwort ist selbst Teil des von Allah eröffneten Weges.15
17. „Al-fauz al-ʿaẓīm“ – der große Erfolg
Der letzte Ausdruck von Maide 5:119 fasst die gesamte Bewegung zusammen:
„Das ist der große Erfolg.“
Dieser Erfolg besteht nach unserer Lesart nicht einfach darin, dass einige Menschen am Ende ein Paradies erhalten.16
Der Erfolg ist größer:

Allahs Plan mit der gesamten Menschheit erreicht sein Ziel.
Die Menschheit, die sich von Allah entfernt hat, wird zurückgeführt.
Die Menschen, die wahrhaftig auf die von Allah offenbarte Wahrheit reagieren, werden angenommen.
Jesu Gehorsam erweist sich als entscheidend.
Jesu Fürsprache bringt Nutzen.
Allah nimmt die Menschen wieder in seine Gegenwart auf.
Und das Ergebnis ist gegenseitiges Wohlgefallen.
Der Mensch findet seine Erfüllung in Allah – und Allah hat Wohlgefallen an dem Menschen.
Damit schließt sich der Kreis.
18. Die größte Errettung
Die koranische Aussage
„Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück“ (Baqara 2:156) beschreibt in konzentrierter Form eine Bewegung, die sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte ziehen lässt.
Der Mensch kommt von Allah.
Er lebt auf der Erde in einer Zeit der Prüfung.
Er verliert die ursprüngliche Nähe.
Allah gibt ihm Rechtleitung.
Allah sendet seine Gesandten.
Und schließlich führt Allah diejenigen zurück, die seiner Rechtleitung wahrhaftig folgen.
In unserer Interpretation erhält Jesus innerhalb dieser Bewegung eine einzigartige Stellung.
Allah macht ihn zum Träger besonderer Gnadengaben.
Jesus bleibt seinem Auftrag vollkommen treu.
Er wird zum Fürsprecher.
Allah nimmt seine Fürsprache an.
Und durch ihn werden die Wahrhaftigen zurückgeführt.
Jesus wird damit zur personifizierten Rechtleitung, die schon Adam versprochen worden war:
"Und wenn dann (später) von mir eine rechte Leitung zu euch kommt, brauchen diejenigen, die ihr folgen, (wegen des Gerichts) keine Angst zu haben, und sie werden (nach der Abrechnung am jüngsten Tag) nicht traurig sein" (Bakara 2:38).Darum ist Maide 5:119 für unsere Auslegung mehr als eine allgemeine Beschreibung des Paradieses.
Der Vers beschreibt den Erfolg von Allahs Heilsplan.
Nicht Jesus ist der Ursprung dieses Plans. Nicht der Mensch ist der Ursprung dieses Plans.
Allah selbst ist der Ursprung.
Aber Allah führt seinen Plan durch Jesus zur Vollendung.
Und gerade darin liegt die Größe Jesu: Er empfängt alles von Allah, gehorcht Allah vollkommen und wird dadurch zum Werkzeug, durch das Allah andere Menschen zurück zu sich führt.
Schluss: An wem hat Allah Wohlgefallen?
An wem hat Allah wohlgefallen? Die Antwort von Maide 5:119 lautet zunächst:
an den Wahrhaftigen.
Aber die entscheidende Frage bleibt:
Wer ist in diesem Zusammenhang wahrhaftig?
Unsere Antwort lautet: Es sind diejenigen, die auf die von Allah offenbarte Wahrheit über Jesus wahrhaftig reagieren.
Ihre Wahrhaftigkeit besteht nicht darin, dass sie vollkommen oder sündlos wären. Maide 5:118 setzt vielmehr voraus, dass sie weiterhin auf Allahs Vergebung angewiesen sind.
Ihre Hoffnung gründet deshalb nicht auf ihrer eigenen Vollkommenheit.
Sie gründet auf Allahs Gnade und auf Jesu Fürsprache.
Jesus selbst hat sich in Maide 5:116–117 als der vollkommen Gehorsame erwiesen. Er hat nur das gesagt, was Allah ihm aufgetragen hat. Deshalb kann er für seine Nachfolger eintreten. Allah nimmt seine Fürsprache an und erklärt, dass die Wahrhaftigen an jenem Tag Nutzen aus ihrer Wahrhaftigkeit ziehen werden.
Dann folgt die eigentliche Überraschung:
Allah schenkt ihnen nicht nur das Paradies.
Allah hat Wohlgefallen an ihnen – und sie haben Wohlgefallen an Ihm.
Das ist mehr als Belohnung.
Es ist Annahme.
Es ist Wiederherstellung.
Es ist Gemeinschaft.
Es ist die Vollendung dessen, was mit Adam begonnen hat.
Die Rückkehr wird durch Akzeptanz der Wahrheit über Jesus und der wahrhaftigen Reaktion darauf ermöglicht. Dank Jesu Fürsprache, die von Allah gewollt und akzeptiert wird, gelingt die Rückkehr. Die Beziehung zwischen Mensch und Allah ist wieder voll hergestellt. Der koranische Urbund (Sure 7:17217) ist wieder intakt.
Und deshalb kann al-fauz al-ʿaẓīm, „der große Erfolg“, am Ende des Abschnitts als die größte Errettung verstanden werden:
Die Menschheit kehrt durch Allahs Gnade, durch Jesu treuen Dienst und durch die wahrhaftige Antwort seiner Nachfolger in die Gegenwart Allahs zurück.
Was Allah bei der Schöpfung Adams bereits wusste – „Ich weiß, was ihr nicht wisst“ (Bakara 2:30) – wird am Ende der Geschichte sichtbar. Die Geschichte endet nicht mit der Niederlage des Menschen. Sie endet mit seiner Rückkehr. Nicht mit einem bloßen Austausch von guten Taten gegen Belohnung. Sondern mit einer wiederhergestellten Beziehung:
Allah hat Wohlgefallen an ihnen – und sie an Ihm.
Das ist der große Erfolg.
1 In beiden Versen wird eine grammatikalische Form des Verbs نَفَعَ (nafaʿa – nützen / nützlich sein) verwendet:
Sure al-Mā'ida (5:119): Hier heißt es „yanfaʿu“ (يَنْفَعُ).
Arabisch: „...يَوْمُ يَنْفَعُ الصَّادِقِينَ صِدْقُهُمْ...“
Übersetzung: „...ein Tag, an dem den Wahrhaftigen ihre Wahrhaftigkeit nützt.“
Sure Tā-Hā (20:109): Hier heißt es „tanfaʿu“ (تَنْفَعُ).
Arabisch: „يَوْمَئِذٍ لَا تَنْفَعُ الشَّفَاعَةُ...“
Übersetzung: „An jenem Tag nützt die Fürsprache nicht...“ (außer derjenigen, die Gott erlaubt)
2 Siehe z.B. Zemahşeri, in Keşşaf, Tefsir Vol. 1-6, s. 1793: "Hazret-i Îsâ ise hem hayatta sadık idi hem de öldükten sonra. O yüzden, doğruluğu kendisine fayda verdi."
3 "Diejenigen auf der Welt, die in ihrem Glauben an Allah und Seinen Propheten, in ihrem Gehorsam und ihrer Ergebenheit aufrichtig, ehrlich und wahrhaftig sind, die ihre Verpflichtungen erfüllen und ihr Wort halten, werden an jenem schrecklichen Tag des Jüngsten Gerichts – an jenem furchtbaren Tag, an dem alle Menschen versammelt und zur Rechenschaft gezogen werden – den Nutzen ihrer Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erfahren. Dem Diener obliegt es daher, Allah zu erkennen, sich um das Verständnis Seiner Einheit und Größe zu bemühen und Ihm ein aufrichtiger Diener zu sein. Derjenige, der dieser Dienerschaft am meisten würdig ist, ist zweifellos Allah, der Erhabene. Es hat keinerlei Bedeutung, die Zufriedenheit von irgendetwas oder irgendjemandem außer Ihm zu erlangen. Die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die ewig von Nutzen sein werden, sind allein die Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit … gegenüber Allah." (Ömer Çelik in Auslegung zu Maide 5:119-120 in Ömer Çelik Tefsiri, wiedergegeben in Kuran & Meali in https://www.kuranvemeali.com/maide-suresi/119-ayeti-tefsiri (besucht: 07/09/2026)).
4 Satan argumentiert:
„Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Ton erschaffen.“(Araf 7:12 sowie Sad 38:76).
- „Soll ich mich vor jemandem niederwerfen, den Du aus Ton erschaffen hast?“ (Isra 17:61).
„Ich kann mich unmöglich vor einem menschlichen Wesen niederwerfen, das Du aus trockenem Ton... erschaffen hast.“ (Hicr 15:33).
5 Allah ahndet die Auflehnung Satans in vier Schritten, gemaess dem Koran:
1. Der sofortige Ausschluss aus dem Paradies (Hicr 15:34; Sad 38:77; Araf 7:13)
2. Der göttliche Fluch bis zum Jüngsten Tag (Hicr 15:35; Sad 38:78)
3. Die Aufschiebung als Prüfung (Der „Aufschub“: Hicr 15:37-38)
4. Die endgültige Strafe: Die Hölle (Dschahannam; Sad 38:85; Araf 7:18)
6 But there is something much greater [than the material rewards of Paradies] that awaits them: “Yet God’s acceptance is the greatest blessing of all.” (Verse 72) Indeed, heaven and all the bliss and happiness that are assured for those who are admitted into it appear to be so small when compared to being accepted by God: “Yet God’s acceptance is the greatest blessing of all.’’ Indeed one moment of being in communion with God, contemplating His majesty; a moment of release from the restraints of a physical constitution, and the limitations of this earth and its petty concerns; a moment when a ray of that light which cannot be seen by our eyes lightens our hearts; a moment when the human soul is enlightened by a glimpse of God’s mercy; any moment of these which are experienced only by a small number of people when they have clear, undisturbed vision is far greater than all enjoyments and all aspirations. How do people feel when His acceptance overwhelms their souls and they receive it without interruption? (Sayyid Qutb, In the Shadow, ss. 2302f.).
7 Die Aussage, Allah habe an den der Wahrheit Wahrhaftigen wohlgefallen ist auch für muslimische Ausleger überwaeltigend. Waehrend menschliche Freude am Paradies (Essen, Trinken, Umgebung, etc.) eher körperlicher Natur sind, hebt Razi hervor dass es sich bei Allahs Wohlgefallen (Riḍā) um eine rein spirituelle und intellektuelle Freude handelt. Auf Grund von Tövbe 9:72 ist "Allahs Wohlgefallen … noch grösser" (M.A. Rassoul) als die materiellen Freuden.
8 Das Konzept von Allahs Wohlgefallen an wahren Gottesfürchtigen wird im Koran mehrmals mit Busse und der Rückführung der Menschheit zu Allah in Beziehung gebracht. Andere Stellen, die von Allahs Wohlgefallen sprechen sind
Al-i Imran 3:15; Tövbe 9:72 und 100 (glaeubig und gute Werke, Auswanderer aus Mekka und Helfer aus Medina);
Fetih 48:29 (Glaube, gute Werke, Vergebung, Niederwerfung im Gebet, mitfühlend gegenüber Glaubensgenossen);
Mücadele 58:22 (Allahs Partei, Glauben, gestaerkt durch Allahs Wort);
Beyyine 98:9 (glauben und gute Werke). Neben guten Werken ist Glaube ein wichtiges Element, das zu Allahs Wohlgefallen führt.
9 Ali Küçük in Besâirü'l-Kur'ân zu Maide 5:119-120, in https://tevhidmeali.com/sure/maide-suresi/119 (besucht, 14/09/2026).
10 Fahruddin Er Razi, Tefsir-I Kebir, Vol. 9, s. 300.
11 Muslimische Gelehrte diskutierte Frage ob Allah hier Gefühle zeigt, und ob er überhaupt ‹Gefühle’ haben kann. Emotionen wie ‹Zufriedenheit› oder ‹Freude› im menschlichen Sinne implizieren eine psychologische Veraenderung im Zustand desjenigen, der sie empfindet. Gott ist jedoch absolut unveraenderlich. Einige Theologen fanden einen Ausweg aus diesem Problem indem sie erklaerten, dass Gottes Wohlgefallen (Rida) kein emotionales Gefühl ist, sondern Seinen Willen zur ewigen Ehrung, Belohnung und Erhöhung des Dieners beschreibt.
12Im gesamten Alten Testament und in der klassischen islamischen Theologie gilt das Schauen Gottes (Ru'yat Allāh) als das höchste vorstellbare Privileg des Jenseits. Dem König ins Angesicht schauen zu dürfen, bedeutete im antiken Orient, das uneingeschränkte Wohlgefallen des Königs zu besitzen. Sklaven mussten den Blick senken; nur wer absolut geliebt und akzeptiert war, durfte den König ansehen.
13 Dass Gottes Name auf die Stirn der Glaeubigen im Paradies geschrieben ist besiegelt öffentlich und für alle Ewigkeit das absolute, unveränderliche Wohlgefallen Gottes an Seinen Dienern. Der Name auf der Stirn ist das sichtbare Gütesiegel dieses Wohlgefallens. Es kennzeichnet die Diener als Gottes unveräußerliches und geliebtes Eigentum.
Für die syrische Theologie ist der Name auf der Stirn kein rein jenseitiges Ereignis. Bei der Taufe wird der Gläubige auf der Stirn mit dem heiligen Öl (Myron) kreuzförmig gesalbt. In den syrischen Hymnen heißt es, dass der Getaufte in diesem Moment das „unsichtbare königliche Siegel“ auf die Stirn geprägt bekommt. Offenbarung 22:4 ist für sie schlicht der Moment im Jenseits, in dem dieses bei der Taufe empfangene, unsichtbare Siegel im Licht Gottes für alle sichtbar aufstrahlt. Ein wichtiges Element zur Vorbereitung auf die Taufe war im syrischen Christentum die bis zu einem Jahr dauernde Vorbereitungszeit, ein intensiver Weg der Metanoia (syrisch: Tbutā / Buße, wörtlich „Umkehr des Geistes“). Diese Buße war kein rein stilles, mentales Ereignis. Die Katechumenen (Taufanwärter) und Büßer praktizierten intensive physische Niederwerfungen bis auf den Boden. Diese Praxis war so prägend, dass Mönche und Gläubige in syrischen Klöstern (wie im Kloster Mor Gabriel in Tur Abdin) schwielenartige Male oder Verfärbungen auf der Stirn vom jahrelangen Berühren des Bodens davontrugen.
Von einem aehnlichen Merkmal auf den Gesichtern der Glaeubigen im Zusammenhang mit dem Erlangen von Allahs Wohlgefallen spricht Fetih 48:29: "… Du siehst, daß sie sich verneigen und niederwerfen im Verlangen danach, daß Allah ihnen Gunst erweisen und Wohlgefallen (an ihnen) haben möge. Ihre Merkmale befinden sich auf ihren Gesichtern: die Spuren der Niederwerfung. ..." Interessant dabei ist, dass dieses Zeichen in diesem Vers mit der Tora und dem Evangelium in Beziehung gesetzt wird. Der Vers kann also als Beschreibung der der syrischen Taufvorbereitung gelesen werden.
14 Die muslimische Antwort auf diese Frage lautet:
1. Die Verbannung und Entmachtung Satans: Satan ist in der Hölle. Er hat physisch keinen Zugang mehr zu den Bewohnern des Paradieses. Er kann sie nicht mehr durch Einflüsterungen vom rechten Weg abbringen.
2. Transformation der menschlichen Seele: Allah reinigt die Seelen der Glaeubigen vor dem Eintritt von allen negativen menschlichen Eigenschaften. ‹Wir nehmen dann von ihnen weg, was sie an Gehässigkeit (ghill) in ihrem Innern hegen, so daß sie (wie) Brüder sind, auf Sesseln (gelagert), einander gegenüber. Sie haben darin keine Mühsal zu erleiden und werden nicht (wieder) daraus vertrieben.› (Hicr 15:47-48).Die Bewohner des Paradieses verspüren kein Verlangen mehr nach Sünde oder Rebellion. Der Koran betont, dass sie dort keine sinnlosen oder sündhaften Worte hören, sondern nur: „Selam, Selam!“ (Sure 56:25-26):
‹Sie hören darin kein (leeres) Gerede und keine Versündigung, sondern nur das Grußwort "Heil! Heil!"".
3. Das Wesen der Willensfreiheit: Die Erlösten haben im Diesseits gelernt, dass Gehorsam gegenüber Allah die beste Wahl ist. Ihr Wille ist im Jenseits in vollkommener Harmonie mit dem Willen Allahs. Sie wollen sich gar nicht mehr auflehnen, weil sie die absolute Wahrheit und die Konsequenzen des Ungehorsams (die Hölle) unverhüllt gesehen haben. Die Illusion, die Satan Adam vorgespiegelt hat, existiert nicht mehr.
4. Im Paradies sind die Sehnsüchte der Menschheit bereits erfüllt: Die Angriffsflaechen, die sich Satan bei Adam und Eva boten existieren nicht mehr: Die Menschen sind bereits unsterblich. Sie leben in ewigem Überfluss. Es gibt keinen Mangel, kein Verbot und somit keinen Raum für Neid, Gier oder Frustration, die zu einer Rebellion führen könnten.Was garantiert, dass sich der Sündenfall nicht wiederholt? Es ist die Göttliche Garantie der Vollkommenheit. Das erste Paradies war eine temporäre Lern- und Prüfphase für Adam und seine Nachkommen. Das finale Paradies hingegen ist eine von Allah geschützte Sphäre, in der die Ursachen für Sünde – der Verführer von außen und die menschliche Schwäche von innen – für immer eliminiert sind.
15 In der Islamischen Theologie entwickelte sich eine Diskussion zu genau diesem Punkt zwischen Asch’ariten (orthodox-sunnitisch) und Mu’taziliten (rationalistisch): Ist die Errettung und das Wohlgefallen Allahs göttliche "Pflicht" gegenüber den Menschen, die während ihrem Erdenleben gute Taten vollbracht haben, oder handelt es sich dabei um einen reinen Gnadenakt Allahs? Unsere Interpretation von Maide 5:118-119 und der Biblische Sachverhalt lösen diese Frage in eleganter Weise.
16 Diesen Eindruck könnte man bei gewissen muslimischen Auslegern gewinnen: "Als der Allmächtige Allah verkündet, dass jene Menschen, die ihren Pflichten als Diener treu bleiben und ihr Leben im Geiste der Propheten führen, in die Paradiese aufgenommen werden, in denen sie ewig verweilen werden, und dass Allah mit ihnen zufrieden sein wird und sie ihrerseits mit den ihnen gewährten Gnaden zufrieden sein werden, so weist er damit darauf hin, dass genau dies der grösste Erfolg und die grösste Erlösung ist. Diese Aussage kann auch im Sinne von grösster Gnade, Erlösung, Glückseligkeit, Freude, Sieg, Erfolg und Wohltat interpretiert werden." (Mehmet Okuyan, zu Maide 5:119 in Kur›an Okuyan, https://www.kuranokuyan.com/5-maide-suresi-119-ayet (besucht, 5/10/2026).
17 "Und (damals) als dein Herr aus der Lende der Kinder Adams deren Nachkommenschaft nahm und sie gegen sich selber zeugen ließ! (Er sagte:) ""Bin ich nicht euer Herr?"" Sie sagten: ""Jawohl, wir bezeugen es."" (Dies tat er) damit ihr (nicht etwa) am Tag der Auferstehung sagt: ""Wir hatten davon keine Ahnung.""" (Araf 7:172)

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