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Jesus im Koran – Spannungen zwischen koranischer Darstellung und Tafsir-Auslegung

kesfetmekursu
15. März 2023
11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Sept.

Bei meiner Auseinandersetzung mit dem Thema „Jesus im Koran“ ist mir eine Spannung aufgefallen, die für das Verständnis der koranischen Jesusdarstellung von grundlegender Bedeutung sein könnte: Einerseits macht der Koran über Jesus eine Reihe von ungewöhnlich weitreichenden und theologisch bedeutsamen Aussagen. Andererseits werden gerade diese Aussagen in den von mir untersuchten Tafsir-Werken teilweise relativiert, eingegrenzt oder als für den Menschen letztlich unverständlich dargestellt.

Die folgenden Beobachtungen möchte ich deshalb in vier Schritten darlegen: Zunächst geht es um die Aussagen des Korans selbst, anschließend um die Grenzen, die der Koran diesen Aussagen setzt. Danach wird anhand einiger Tafsir-Beispiele untersucht, wie die Ausleger mit dieser Spannung umgehen. Abschließend stellt sich die Frage, ob die dabei verwendeten Auslegungsmethoden der Bedeutung gerecht werden, die der Koran seinen Aussagen über Jesus selbst beimisst.

1. Die besondere Stellung Jesu im Koran

Offenes Buch auf hölzerner Ablage im warmen Licht, vor unscharfem Fenster und rotem Teppich, ruhige religiöse Atmosphäre
Der Koran

Der Koran macht über Jesus eine Reihe bemerkenswerter Aussagen.

Seine Geburt und seine Herkunft

Jesus wird ohne Beteiligung eines menschlichen Vaters geboren. Der Koran beschreibt, dass Allah Maria seinen Geist einbläst und Maria und ihren Sohn dadurch zu einem Zeichen für die Menschen macht (Enbiya 21:91).

Jesus selbst erklärt bereits als Säugling in der Wiege seine Stellung und seinen Auftrag (Meryem 19:30–33).

Seine Wunder

Jesus vollbringt zahlreiche außergewöhnliche Taten – ausdrücklich mit Allahs Genehmigung. Dazu gehören unter anderem die Heilung von Blindgeborenen und Aussätzigen sowie die Auferweckung von Toten (Al-i Imran 3:49; Maide 5:110). Der Koran bezeichnet diese Taten als Allahs Gnade und als klare Beweise beziehungsweise Zeichen.

Seine besondere Unterweisung

Allah lehrt Jesus „die Schrift, die Weisheit, die Thora und das Evangelium“ (Al-i Imran 3:48). Damit wird ihm eine ungewöhnlich umfassende Kenntnis der göttlichen Offenbarung zugeschrieben.

Seine Abberufung und Erhöhung

Der Koran spricht von Jesu Abberufung von der Erde und seiner Erhöhung zu Allah (Al-i Imran 3:55; Nisa 4:158). Diese Aussage erhält zudem eine eschatologische Bedeutung, denn Jesus wird im Zusammenhang mit dem Gericht und dem Glauben der „Leute des Buches“ erneut erwähnt (Nisa 4:159).

Der Vergleich mit Adam

In der erhöhten Position bei Allah wird Jesus mit Adam zur Zeit seiner Erschaffung verglichen (Al-i Imran 3:59).

Seine eschatologische Bedeutung

Die Bedeutung Jesu reicht im Koran bis in die Ereignisse am Ende der Zeit. Seine Nachfolge wird mit einer Überlegenheit gegenüber den Ungläubigen bis zum Tag der Auferstehung verbunden (Al-i Imran 3:55). Jesus wird als Zeichen beziehungsweise Vorzeichen für die kommende Auferstehung bezeichnet (Zuhruf 43:61).

Am Tag des Gerichts wird Jesus außerdem als Zeuge gegenüber den „Leuten des Buches“ erscheinen (Nisa 4:159). In Maide 5:109–120 wird er ausführlich in den Zusammenhang des letzten Gerichts gestellt. Er ist der einzige Gesandte, der von Allah ausdrücklich zur Fürbitte für seine Nachfolger aufgefordert wird.

Ausdrückliche Warnungen

Der Koran warnt an einigen Stellen davor, Jesus nicht richtig einzuordnen. Wer nicht genau so an Jesus glaubt, wie er im Koran dargestellt wird, fällt unter einen Gottesfluch (Al-i Imran 3:61). Selbst Mohammed wird ermahnt, nicht an der Wahrheit über Jesus zu zweifeln (Al-i Imran 3:60). Falls die Leute des Buches nicht richtig an Jesus glauben, wird er beim Endgericht gegen sie zeugen (Nisa 4:159).

Seine Eigenschaften und Titel

Auch die Beschreibung seiner Person ist bemerkenswert. Jesus wird unter anderem als sündlos (Meryem 19:19), rechtschaffen (Al-i Imran 3:46; Anam 6:85), gesegnet (Meryem 19:31), von Allah bevorzugt (Bakara 2:253), Gott nahestehend und hoch angesehen (Al-i Imran 3:45) und als Zeichen für die Menschheit bezeichnet (Enbiya 21:91; Meryem 19:21). Zudem wird er während seines irdischen Lebens mit Allahs Geist gestärkt (Maide 5:110; Bakara 2:87, 253). Er bezeugt selber, nie etwas gesagt zu haben, dass Allah nicht gefallen hätte (Maide 5:116).

Auffällig ist auch die Vielfalt seiner koranischen Bezeichnungen. Jesus wird unter anderem genannt:

  • „Sohn der Maria“ (Maide 5:46, 114 u. a.),

  • „Knecht Allahs“ (Meryem 19:30; Nisa 4:172),

  • „Prophet“ (Meryem 19:30),

  • „Gesandter Allahs“ (Bakara 2:253; Al-i Imran 3:49, 53; Nisa 4:171),

  • „Messias“ (Nisa 4:172; Maide 5:72 u. a.),

  • „Wort Allahs“ (Al-i Imran 3:45; Nisa 4:171),

  • „Geist von Allah“ (Nisa 4:171).

Insgesamt entsteht damit ein Bild Jesu, das ihn innerhalb der koranischen Prophetengeschichte in mehrfacher Hinsicht besonders hervorhebt.

2. Die Grenzen der koranischen Jesusdarstellung

Gleichzeitig setzt der Koran dieser besonderen Stellung klare Grenzen.

Jesus und seine Mutter dürfen nicht als Götter neben Allah gesetzt werden (Nisa 4:171; Maide 5:72–75, 116–118). Ebenso wird wiederholt betont, dass Jesus nicht Gottes Sohn im Sinne einer biologischen göttlichen Abstammung ist (Nisa 4:171; Meryem 19:88–93; Müminun 23:91; Ikhlas 112:1–4).

Diese Aussagen sind für die koranische Darstellung Jesu zentral. Der Koran verbindet also zwei scheinbar gegenläufige Bewegungen: Einerseits wird Jesus mit außergewöhnlichen Eigenschaften, Ereignissen, Titeln und Aufgaben beschrieben; andererseits wird ausdrücklich davor gewarnt, aus dieser besonderen Stellung eine Konkurrenz zwischen Jesus und Allah oder eine göttliche Abstammung im biologischen Sinne abzuleiten.

Gerade diese Kombination macht die koranische Jesusdarstellung interessant: Die entscheidende Frage ist nicht nur, was der Koran über Jesus sagt, sondern auch, welche Bedeutung der Koran selbst diesen Aussagen beimisst.

3. Wie gehen die Tafsir-Werke mit dieser Spannung um?

Arabische Fachbücher mit goldgrünen Einbänden auf Holztisch vor voll gefüllten Bücherregalen in stiller Bibliothek.
Tefsir Werke

An diesem Punkt stellt sich eine hermeneutische Frage: Wie gehen die Koran-Ausleger mit Aussagen um, die Jesus einerseits außergewöhnlich hervorheben, andererseits aber nicht zu einer falschen Vergöttlichung Jesu führen sollen?

Bei den von mir untersuchten Tafsir-Werken lassen sich dabei verschiedene Vorgehensweisen beobachten.

a) Die Aufmerksamkeit wird auf andere Aspekte gelenkt

Manche Aussagen über Jesus werden nur begrenzt ausgelegt, während andere, weniger problematische Aspekte ausführlicher behandelt werden.

Ein Beispiel findet sich im Tefsirwerk Kuran Yolu bei der Auslegung von Enbiya 21:91. Der Vers beschreibt zunächst Marias Keuschheit und anschließend, dass Allah ihr seinen Geist einbläst und sie und ihren Sohn „zu einem Zeichen für die Menschen in aller Welt“ macht.

Kuran Yolu behandelt ausführlich den Begriff der Keuschheit. Die Bedeutung der Aussagen über das „Einblasen von Allahs Geist“ und darüber, dass Maria und Jesus „ein Zeichen für die Menschen“ sind, wird dagegen nach meiner Beobachtung wesentlich weniger ausführlich behandelt.[1]

b) Außergewöhnliche Aussagen werden relativiert

Ein zweites Verfahren besteht darin, die Besonderheit einer Aussage zwar anzuerkennen, ihre theologische Bedeutung anschließend aber wieder einzugrenzen.

Sayyid Qutb bezeichnet beispielsweise Jesu Empfängnis für den menschlichen Verstand als „the greatest of all miracles“. Qutb betont, dass die Geburt Jesu keine Wiederholung in der Menschheitsgeschichte finde.[4] Anstatt über das Wunder zu staunen, betont er fast im selben Atemzug, dass dieses Geschehen für Gott, dessen Wille keinen menschlichen Begrenzungen unterliegt, nichts Außergewöhnliches sei.[2] Er ist bemüht das Wunder auf die Ebene des normalen menschlichen Fortpflanzungsgeschehens herabzustufen.[3] Zugleich erklärt er, die Art und Weise, wie Gott Jesus durch die Einblasung seines Geistes erschaffen habe, bleibe der menschlichen Vernunft letztlich unzugänglich. Eine weitergehende Beschäftigung mit dieser Frage sei deshalb nicht notwendig.[5][6]

Qutb deutet die außergewöhnliche Geburt damit einerseits als einzigartiges Ereignis, entzieht die Frage nach ihrer tieferen Bedeutung andererseits aber weitgehend der weiteren Untersuchung.

c) Schwierige Aussagen werden als für den Menschen unzugänglich erklärt

Ein ähnliches Muster zeigt sich bei anderen Fragen im Zusammenhang mit Jesus.

Je nach Ausleger gehören dazu etwa:

  • die außergewöhnliche Geburt Jesu,

  • die Art seiner Abberufung von der Erde,

  • seine Erhöhung zu Gott,

  • seine Aufgaben beim letzten Gericht,

  • die Bezeichnungen „Wort Gottes“ und „Geist von Gott“,

  • seine Rolle als „Zeichen“ beziehungsweise Vorzeichen der Letzten Stunde.

Gerade bei diesen Themen findet sich in Tefsirwerken wiederholt der Hinweis, dass ihre eigentliche Bedeutung oder ihr genauer Ablauf letztlich nur Gott bekannt sei.

Qutb formuliert dies beispielsweise auch im Zusammenhang mit Jesu Abberufung und Erhöhung zu Gott. Die Frage, wie dies genau geschehen sei, liege außerhalb menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis; eine weitere Untersuchung führe seiner Ansicht nach eher zu Verwirrung als zu einem Gewinn für den Glauben.[7]

Damit entsteht ein bestimmtes hermeneutisches Muster: Eine außergewöhnliche Aussage wird zunächst anerkannt, anschließend aber hinsichtlich ihrer weiteren Bedeutung begrenzt oder der menschlichen Untersuchung entzogen. Das daraus resultierende Jesus-Bild wirkt widersprüchlich, schwer, unsicher.4.

  1. Das eigentliche Problem: Was ist ein „Zeichen“?

Genau hier scheint mir die entscheidende Frage zu liegen.

Zwei Smartphones mit grünem Quran-App-Display: links Surenliste, rechts arabischer Text, auf grünem Hintergrund.
Koran versus Tefsir

Der Koran bezeichnet verschiedene außergewöhnliche Ereignisse im Leben Jesu ausdrücklich als Zeichen. Das gilt bereits für seine außergewöhnliche Geburt: Gott macht Maria und Jesus zu einem Zeichen für die Menschen in aller Welt (Enbiya 21:91).

Auch Jesu Wundertaten werden nicht lediglich als spektakuläre Ereignisse dargestellt. In Maide 5:110 erscheinen sie als Ausdruck von Gottes Gnade und als klare Beweise; in Al-i Imran 3:45 steht Jesus selbst im Zusammenhang mit einem Zeichen für die Menschen.

Auch Jesu Abberufung und Erhöhung zu Gott sind nicht bloß nebensächliche biografische Einzelheiten. Sie werden im Zusammenhang mit dem Glauben der Menschen und dem letzten Gericht erwähnt (Nisa 4:159).

Noch deutlicher wird die eschatologische Bedeutung in Zuhruf 43:61: Jesus wird dort mit dem Vorzeichen der Letzten Stunde in Verbindung gebracht. Die Aussage wird unmittelbar mit der Aufforderung verbunden, nicht an der kommenden Auferstehung zu zweifeln.

Schließlich erscheinen die Bezeichnungen „Wort Gottes“ und „Geist von Gott“ gerade in einem Abschnitt, in dem der Koran vor falschen Aussagen über Gott warnt (Nisa 4:171). Es ist somit entscheidend, diese Begriffe korrekt zu verstehen.

Damit stellt sich eine grundsätzliche hermeneutische Frage:

Wenn der Koran ein außergewöhnliches Geschehen ausdrücklich als „Zeichen“ bezeichnet, genügt es dann, lediglich festzustellen, dass sein genauer metaphysischer Charakter für den Menschen unverständlich bleibt? Oder verlangt die Bezeichnung als „Zeichen“ gerade danach zu fragen, worauf dieses Zeichen hinweist?

Hier scheint mir eine wichtige Spannung zwischen dem koranischen Text und bestimmten Formen seiner Auslegung zu entstehen.

Der Koran präsentiert die außergewöhnlichen Aspekte von Jesu Geburt, Wirken, Abberufung und eschatologischer Rolle nicht als Dinge, deren Bedeutung dem Menschen verschlossen bleiben soll. Im Gegenteil: Wiederholt werden sie mit Begriffen wie „Zeichen“, „Beweis“, „Gnade“ und mit Fragen des Glaubens und der Auferstehung verbunden.

Wenn Tafsir-Werke solche Aussagen dagegen primär unter dem Gesichtspunkt behandeln, dass ihre eigentliche Bedeutung für den Menschen nicht erkennbar oder für das Glaubensleben nicht relevant sei, entsteht eine Spannung, die näher untersucht werden sollte.

5. Koranische Aussage und Tafsir-Auslegung

Das Problem lässt sich deshalb vielleicht präziser formulieren als ein Gegensatz zwischen „Koran“ und „Tafsir“.

Es geht um die Frage, welchen Stellenwert der Koran selbst seinen Aussagen über Jesus gibt und ob die traditionelle Auslegung diesen Stellenwert angemessen wiedergibt.

Auf der einen Seite stehen Aussagen über Jesus, die außergewöhnlich sind und ausdrücklich mit zentralen Glaubensthemen verbunden werden:

  • seine einzigartige Geburt,

  • seine Wunder,

  • seine besondere Unterweisung durch Gott,

  • seine Erhöhung zu Gott,

  • seine Rolle im Zusammenhang mit dem letzten Gericht,

  • seine Verbindung mit der Auferstehung,

  • seine Bezeichnungen als „Wort Gottes“ und „Geist von Gott“.

Auf der anderen Seite steht in den untersuchten Auslegungen häufig die methodische Zurückhaltung, gerade diese Punkte weiterzuverfolgen.

Das ist zunächst kein Beweis dafür, dass die Tafsir-Auslegung dem Koran widerspricht. Es wirft aber eine wichtige hermeneutische Frage auf:

Wird die Bedeutung einer koranischen Aussage möglicherweise zu früh beendet, wenn man sie mit dem Hinweis auf menschliche Unverständlichkeit nicht weiter untersucht?

Gerade bei Jesus scheint diese Frage besonders relevant zu sein. Denn der Koran selbst fordert den Leser an mehreren Stellen geradezu dazu auf, in den außergewöhnlichen Ereignissen um Jesus ein Zeichen zu erkennen.

Die Aufgabe einer Auslegung müsste deshalb meines Erachtens zunächst sein, möglichst offen und ohne Angst vor den Resultaten zu untersuchen, was die koranischen Aussagen über Jesus innerhalb der eigenen Logik des Korans bedeuten.

Anstatt eine schwierige Aussage vorschnell mit „Nur Gott weiß, was damit gemeint ist“ abzuschließen, wäre daher zu fragen:

Was will der Koran dem Menschen durch dieses Zeichen zeigen? Warum wird gerade Jesus mit diesem Zeichen verbunden? Welche Bedeutung hat seine außergewöhnliche Geburt, sein Wirken, seine Erhöhung und seine Rolle am Ende der Zeit für die koranische Vorstellung von Offenbarung, Auferstehung und Glauben?

Diese Fragen scheinen mir umso wichtiger, weil der Koran selbst die betreffenden Aussagen wiederholt mit grundlegenden Fragen des Glaubens verbindet.

6. Schlussfolgerung - Spannung zwischen Koran und Tafsir

Die Untersuchung legt eine bemerkenswerte Diskrepanz nahe: Die koranische Darstellung Jesu enthält zahlreiche außergewöhnliche Aussagen, die ausdrücklich als Zeichen, Beweise oder als für den Glauben relevante Ereignisse dargestellt werden. In den hier betrachteten Tafsir-Beispielen werden gerade solche Aussagen jedoch teilweise relativiert, auf andere Aspekte gelenkt oder als letztlich für den Menschen unzugänglich behandelt.

Daraus ergibt sich meines Erachtens ein ernstzunehmendes hermeneutisches Problem.

Wenn der Koran selbst bestimmte Aussagen über Jesus als Zeichen für die Menschheit präsentiert, sollte die Auslegung nicht bei der Feststellung stehen bleiben, dass der Mensch deren tiefere Bedeutung nicht vollständig erfassen könne. Sie sollte vielmehr untersuchen, welche Botschaft der Koran mit diesen Zeichen verbindet.

Die entscheidende Frage bei der Auslegung der Darstellung von Jesu im Koran sollte daher nicht ausschliesslich lauten:

„Wie kann verhindert werden, dass die außergewöhnliche Stellung Jesu zu einer falschen Vergöttlichung führt?“

Diese Grenze zieht der Koran selbst deutlich.

Die grundlegende Frage lautet vielmehr:

„Was will der Koran tatsächlich über Jesus sagen, wenn man alle seine Aussagen – sowohl die warnenden als auch die außergewöhnlichen und positiven – ernst nimmt und sie nicht von vornherein durch eine bestimmte theologische Vorgabe begrenzt?“

Für mich liegt hier der eigentliche Ansatzpunkt für eine weiterführende Koranauslegung. Die koranische Jesusdarstellung sollte zunächst in ihrer Gesamtheit ernst genommen werden. Erst danach sollte entschieden werden, welche Bedeutung die einzelnen Aussagen innerhalb der koranischen Theologie tatsächlich besitzen.

Die aufgezeigte Spannung zwischen koranischem Text und bestimmten Tafsir-Auslegungen gibt daher Anlass zu der Frage, ob die bisher verwendeten Auslegungsmethoden der besonderen Stellung Jesu im Koran vollständig gerecht werden. Eine vertiefte Untersuchung könnte zeigen, ob hierfür tatsächlich neue Wege der Koranauslegung erforderlich sind.


1 Kur'an Yolu Tefsiri, Band: 3 s. 698, in https://kuran.diyanet.gov.tr/tefsir/Enbiy%C3%A2-suresi/2574/91-ayet-tefsiri (19/01/2023).

2 ‘To the human mind, Jesus’s birth remains the greatest of all miracles. According to God’s will, which is free of all restrictions, it is nothing out of the ordinary.’ (Sayyid Qutb, In the Shadow of the Quran, Vol.2, s. 71.).

3 ‘The central theme of the sūrah, as already pointed out, revolves around the issue of the oneness of God, i.e. tawĥīd. The story of Jesus and the other accounts related to it reinforce this concept as they refute and completely exclude the idea of offspring or partners as far as God is concerned. The sūrah rejects these notions as false and naïve, and presents the birth and life of Maryam and Jesus in such a manner that leaves no room for doubting his full humanity or that he was one of God’s messengers; whatever applies to them applies to him. It explains the supernatural phenomena that accompanied the birth and life of Jesus in simple, clear and reassuring terms. The whole issue is presented as a natural and normal one that should raise no confusion or suspicion. It simply says: “The case of Jesus in the sight of God is the same as the case of Adam. He created him of dust and then said to him, Be, and he was.” (Verse 59) Believing hearts find certainty and peace in these words, and wonder how this evident concept could ever have been shrouded in doubt and confusion. (Sayyid Qutb, In the Shadow of the Quran, Vol.2, s. 62).

4 Sayyid Qutb, In the Shadow of the Quran, Vol.2, s. 69.

5 Sayyid Qutb, In the Shadow of the Quran, Vol.2, s. 72.

6 ‘Was this breathing of the spirit what is described as the word? Or, was the word the line God’s will has taken? Or, does the word mean the command “be”, which may be taken as it is or may express that God’s will has chosen something in particular? Was the word Jesus, or is his existence derived from it? The pursuit of all such questions can only result in creating doubts. The only true conclusion is that God willed to initiate life in a manner which had no parallel. His unrestricted will accomplished such an initiation of life through a breathing of His spirit, the nature of which remains unknown to us while we understand its effects. There is no reason for us to understand its nature because such an understanding does not add to our ability to discharge our mission on earth, since to initiate life is not part of our appointed task. Viewed in this manner, the whole question becomes easy to understand and raises no doubts in our minds.’ (Sayyid Qutb, In the Shadow of the Quran, Vol.2, s. 72).

7 Im Zusammenhang mit der Erwähnung von Jesu Abberufung von der Erde (Al-i Imran 3:55) macht Qutb folgende Beobachtung: ‘How Jesus was gathered and how he ascended to God are matters which lie beyond our human perception. They are unknown except to God. To try to pursue these matters is of no use whatsoever in respect of faith or its implementation. Those who pursue them will inevitably end up more confused, struggling with complicated and endless arguments, gaining no certainty or satisfaction whatsoever. For the whole matter is part of God’s own knowledge. (Sayyid Qutb, In the Shadow of the Quran, Vol.2, s. 81).

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