Jesus und Adam – eine zentrale Aussage des Korans über Jesus
Aktualisiert: 29. Sept.
Bei meiner Beschaeftigung mit der koranischen Darstellung Jesu ist mir eine Spannung

aufgefallen: Der Koran macht über Jesus zahlreiche außergewöhnlich positive und theologisch bedeutsame Aussagen, enthält aber zugleich deutliche Warnungen davor, Jesus als Gott neben Allah aufzufassen oder ihm eine biologische, göttliche Sohnschaft zuzuschreiben.
In den von mir untersuchten Tafsir-Werken scheint diese Spannung häufig zugunsten der warnenden Aussagen aufgelöst zu werden. Positive oder außergewöhnliche Aussagen über Jesus werden zwar anerkannt, aber vielfach unmittelbar relativiert oder in erster Linie als Korrektur christlicher Vorstellungen verstanden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die koranische Darstellung Jesu vor allem die Aufgabe habe, eine vermeintliche Überhöhung Jesu durch die Christen zurückzuweisen.
Das führt zu einer grundlegenden Frage:
Was ist eigentlich die zentrale Aussage des Korans über Jesus?
Ist die koranische Darstellung Jesu ihrem Grundton nach vorwiegend eine positive Beschreibung seiner besonderen Stellung – oder liegt ihr Schwerpunkt tatsächlich auf der Warnung vor einer Überhöhung Jesu?
Um diese Frage zu untersuchen, möchte ich mich einer Stelle zuwenden, die selbst eine Art Zusammenfassung der vorhergehenden Aussagen über Jesus zu sein scheint: Al-i ʿImrān 3:59.
1. Al-i ʿImrān 3:59 als Schlüsseltext
Die Verse Al-i ʿImrān 3:33–63 stehen nach verbreiteter Auffassung in Zusammenhang mit der Begegnung Muhammads mit den Christen aus Nadschran. Über die genaue Abgrenzung der auf dieses Ereignis bezogenen Verse bestehen in den Quellen allerdings unterschiedliche Auffassungen. Einige Quellen beziehen einen größeren Teil der Sure auf die Begegnung, andere speziell die Verse 33–63.[1]
Unmittelbar vor Al-i ʿImrān 3:59 wird eine Reihe von Aussagen über Jesus gemacht. In den Versen 33–57 werden unter anderem seine besondere Geburt, sein Wirken, seine Wunder, seine Botschaft und seine Abberufung behandelt.
Dann heißt es in Vers 58:
„Dies verlesen wir dir von den Versen und der weisen Mahnung.“(Al-i ʿImrān 3:58)Darauf folgt eine Aussage, die wie eine zusammenfassende Erklärung der zuvor behandelten Ereignisse wirkt:
„Wahrlich, Jesus ist vor Allah gleich Adam; Er erschuf ihn aus Erde, alsdann sprach Er zu ihm: ‚Sei!‘ und da war er.“(Al-i ʿImrān 3:59, M. A. Rassoul)Dieser Vers ist deshalb besonders interessant. Er erklärt nicht irgendeinen nebensächlichen Aspekt des Lebens Jesu, sondern scheint die vorangegangenen Aussagen über ihn in einem grundlegenden Vergleich zusammenzufassen.
Noch wichtiger wird der Vers durch das, was unmittelbar folgt:
„(Dies) ist die Wahrheit von deinem Herrn! Darum sei keiner der Zweifler.“(Al-i ʿImrān 3:60)Und unmittelbar danach folgt der sogenannte Mubahala-Vers:
„Und wenn nun nach (all) dem Wissen, das dir (von Allah her) zugekommen ist, (irgend)welche Gesprächspartner mit dir darüber streiten, dann sag: ‚Kommt her! Wir wollen unsere und eure Söhne, unsere und eure Frauen und uns und euch (Männer) selber (zusammen) rufen und hierauf [...] den Fluch Allahs auf diejenigen kommen lassen, die lügen.‘“(Al-i ʿImrān 3:61)Damit erhält die Aussage von Vers 59 ein ungewöhnlich hohes Gewicht. Sie wird als „Wahrheit“ bezeichnet, und unmittelbar danach wird sogar ein Gottesurteil über die Streitfrage angeboten.
Wenn Vers 59 tatsächlich die zentrale Aussage über Jesus innerhalb dieses Abschnitts zusammenfasst, lohnt es sich deshalb, genau zu untersuchen, was der Vergleich Jesu mit Adam eigentlich aussagen soll.
2. Wie wird der Vergleich Jesu mit Adam traditionell verstanden?

In der islamischen Auslegung wird Al-i ʿImrān 3:59 im Wesentlichen auf vier miteinander verbundene Weisen verstanden.
2.1 Der Vergleich bezieht sich auf die außergewöhnliche Erschaffung
Zunächst wird der Vergleich zwischen Jesus und Adam auf die Art ihrer Erschaffung bezogen.
Bei der Ankündigung der Geburt Jesu fragt Maria, wie sie ein Kind bekommen könne, obwohl sie von keinem Mann berührt worden sei. Der Engel antwortet:
„Das ist Allahs Art (zu handeln). Er schafft, was Er will. Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: ‚Sei!‘, dann ist sie.“(Al-i ʿImrān 3:47)Genau diese Formulierung – „Sei!, und da ist es“ – erscheint anschließend in 3:59 erneut.
Der Vergleich zwischen Jesus und Adam wird deshalb so verstanden, dass beide ihre Existenz unmittelbar Gottes schöpferischem Willen verdanken.
Hinzu kommt ein weiterer Vergleich: Sowohl bei Adam als auch bei Jesus wird im Koran von einer Verbindung zwischen Gottes Geist und menschlicher Materie gesprochen. Bei Adam ist davon die Rede, dass Gott ihm seinen Geist einbläst (Sad 38:71); im Zusammenhang mit Maria und Jesus heißt es, dass Gott seinen Geist in sie einbläst (Enbiya 21:91).
Der Schwerpunkt des Vergleichs liegt nach dieser Auslegung also auf dem göttlichen Schöpfungsakt.
2.2 Aus der gleichen Erschaffung wird die gleiche menschliche Natur abgeleitet
Aus diesem Vergleich wird anschließend eine weitergehende Schlussfolgerung gezogen:
Wenn Jesus auf dieselbe Weise wie Adam durch Gottes schöpferischen Befehl ins Dasein gerufen wurde, dann kann seine außergewöhnliche Geburt kein Beweis für eine göttliche Natur sein.
Adam hatte weder Vater noch Mutter; Jesus hatte zwar keinen menschlichen Vater, aber eine menschliche Mutter. Wenn überhaupt, so wird argumentiert, sei Adams Erschaffung daher noch außergewöhnlicher als die Jesu.
Der entscheidende Punkt lautet: Eine außergewöhnliche Erschaffung macht den Erschaffenen nicht zu Gott.
Jesus bleibt Mensch und Prophet, obwohl seine Geburt außergewöhnlich war.
2.3 Der Vers wird als Korrektur christlicher Vorstellungen verstanden
Die dritte Schlussfolgerung geht noch weiter.
In der traditionellen Auslegung wird angenommen, dass Muhammad mit den Christen aus Nadschran über die Stellung Jesu diskutierte und dass diese aufgrund seiner außergewöhnlichen Geburt eine göttliche Sohnschaft und daraus seine Göttlichkeit ableiteten [2].
Der Vergleich mit Adam wird dann als Gegenargument verstanden:
Wenn eine außergewöhnliche Erschaffung die Göttlichkeit Jesu beweisen würde, müsste dasselbe erst recht für Adam gelten. Adam wurde schließlich ohne Vater und Mutter erschaffen.
Der Vergleich soll damit zeigen, dass Jesu außergewöhnliche Geburt keine Grundlage für die Annahme seiner Göttlichkeit bildet.
Eine ähnliche Argumentation findet sich in Meryem 19:34–36:
„Solcherart ist Jesus [...] Es steht Allah nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen. Gepriesen sei Er! [...] Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: ‚Sei!‘, dann ist sie. Und (Jesus sagte:) ‚Allah ist mein und euer Herr. Dienet Ihm! Das ist ein gerader Weg.‘“Innerhalb dieser traditionellen Auslegung ist die Stoßrichtung daher eindeutig: Jesus darf aufgrund seiner außergewöhnlichen Geburt nicht vergöttlicht werden.
2.4 Der Mubahala-Vers bestätigt diese Interpretation
Schließlich wird auch der anschließende Mubahala-Vers in diesem Zusammenhang verstanden.
Muhammad und seine Familie stehen dabei auf der einen Seite für die Auffassung, dass Jesus nicht göttlich ist; die christlichen Gesprächspartner und ihre Familien auf der anderen Seite für die entgegengesetzte Position.
Der anschließende Fluch Gottes soll zeigen, welche Seite die Wahrheit vertritt.
Damit wird Al-i ʿImrān 3:59 in der traditionellen Auslegung zu einer grundsätzlichen Zurückweisung der christlichen Auffassung von Jesus: Seine außergewöhnliche Geburt ist real, aber sie macht ihn nicht zu Gott.
3. Welche Konsequenz hat diese Auslegung?
Diese Auslegung ist in sich nachvollziehbar. Sie führt allerdings zu einer bemerkenswerten Konsequenz.
Wenn Al-i ʿImrān 3:59 tatsächlich die zentrale Zusammenfassung der koranischen Aussagen über Jesus darstellt und wenn die eigentliche Pointe des Verses darin besteht, seine Göttlichkeit zu widerlegen, dann wäre die Hauptbotschaft des Korans über Jesus in erster Linie korrigierend.
Der Koran würde Jesus dann vor allem deshalb in außergewöhnlicher Weise darstellen, um anschließend klarzustellen, dass diese außergewöhnlichen Merkmale nicht zu einer Überhöhung seiner Person führen dürfen.
Jesus wäre zwar auf außergewöhnliche Weise geboren, habe außergewöhnliche Wunder vollbracht und eine besondere Stellung bei Gott, aber diese Besonderheiten würden letztlich dazu dienen, ihn umso deutlicher in die Reihe der menschlichen Propheten einzuordnen.
Genau so wird der Vers vielfach verstanden:
Jesus wurde nicht von Gott gezeugt.
Jesus ist nicht Gott.
Seine außergewöhnliche Geburt begründet keine göttliche Natur.
Adam wurde sogar noch außergewöhnlicher erschaffen.
Jesus ist deshalb – trotz seiner besonderen Geburt – ein Mensch und Prophet wie die anderen Propheten.
Für einen muslimischen Leser stellt dieser Vers unter dieser Voraussetzung keine besondere Herausforderung dar. Er bestätigt vielmehr die bereits bekannte Überzeugung von der Einheit Gottes und von Jesus als einem Propheten unter anderen.
Für einen christlichen Leser hingegen wäre der Vers in erster Linie eine Korrektur seiner vermeintlich falschen Vorstellung von Jesus.
Damit erhält die gesamte Jesusdarstellung einen bestimmten Grundton: Der Koran stellt Jesus zwar außergewöhnlich dar, aber vor allem, um eine aus koranischer Sicht falsche Schlussfolgerung über seine Person zurückzuweisen.
4. Ist das tatsächlich die Aussage von Al-i ʿImran 3:59?
Genau an diesem Punkt beginnt für mich die entscheidende Frage. Wird die traditionelle Auslegung dem koranischen Text wirklich gerecht? Sind die Annahmen, auf denen die Auslegung basiert korrekt?
4.1 Der Vergleich bezieht sich auf die Art der Erschaffung
Zunächst wird angenommen, dass der Vergleich zwischen Jesus und Adam auf die Art ihrer Erschaffung bezogen sei.
Bei der Ankündigung der Geburt Jesu fragt Maria, wie sie ein Kind bekommen könne, obwohl sie von keinem Mann berührt worden sei. Der Engel antwortet:
„Das ist Allahs Art (zu handeln). Er schafft, was Er will. Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: ‚Sei!‘, dann ist sie.“(Al-i ʿImran 3:47)In 3:59 erscheint dieselbe Formulierung im Bezug auf die Erschaffung von Adam erneut:
„Sei!“, und da war er.Daraus wird geschlossen, dass sich der Vergleich zwischen Jesus und Adam auf ihre Erschaffung bezieht. Beide verdanken ihre Existenz unmittelbar Gottes schöpferischem Willen.
Hinzu kommt die weitere Ähnlichkeit, dass sowohl bei Adam als auch im Zusammenhang mit Maria und Jesus von Gottes Geist gesprochen wird. Bei Adam heisst es, dass Gott ihm seinen Geist einbläst (Sad 38:71); im Zusammenhang mit Maria und Jesus wird ebenfalls davon gesprochen, dass Gott seinen Geist in sie einbläst (Enbiya 21:91).
Der Schwerpunkt der traditionellen Erklärung liegt deshalb auf dem göttlichen Schöpfungsakt des irdischen Adams und des irdischen Jesu.
Doch genau hier liegt bereits die erste Annahme, die überprüft werden muss:
Ist aus der sprachlichen Parallele zwischen Al-i ʿImran 3:47 und 3:59 tatsächlich zwingend zu schliessen, dass sich der Vergleich Jesu mit Adam in 3:59 auf die jeweilige Art ihrer Geburt beziehungsweise Empfängnis bezieht?
Die Ähnlichkeit der Formulierungen ist unbestreitbar. Aber eine sprachliche Parallele beantwortet noch nicht automatisch die Frage, welches Ereignis im Leben der beiden Personen miteinander verglichen wird.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die traditionelle Auslegung macht hier einen ersten Interpretationsschritt:
gleiche oder ähnliche Formulierung → gleicher Bezugspunkt des Vergleichs.
Ob dieser Schluss tatsächlich aus dem Text folgt, muss untersucht werden.
4.2 Von der ähnlichen Erschaffung zur gleichen Schöpfungsnatur
Die zweite Schlussfolgerung geht noch weiter.
Wenn Jesus und Adam auf vergleichbare Weise durch Gottes schöpferischen Befehl ins Dasein gerufen wurden, wird daraus abgeleitet, dass sie auch hinsichtlich ihrer Natur gleich einzuordnen seien. Weil Adam der Stammvater der Menschheit ist, wird dabei vorausgesetzt, dass er als normaler irdischer Mensch erschaffen wurde. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass auch Jesus ein normaler irdischer Mensch sein müsse.
Doch genau an dieser Stelle scheint mir eine wichtige Frage zu fehlen: In welchem Zustand und in welcher Umgebung wurde Adam überhaupt erschaffen?
Die koranische Darstellung beschreibt Adam zunächst nicht als einen Menschen, der unter den Bedingungen unseres heutigen irdischen Lebens existiert. Er befand sich im Paradies, hatte Zugang zu dessen Speise und lebte unter Bedingungen, die sich deutlich von denen des späteren menschlichen Lebens auf der Erde unterscheiden. Erst nach seinem Ungehorsam gegenüber Allah erfolgte sein Abstieg auf die Erde.
Damit stellt sich die Frage, welche Bedeutung diese Veränderung für das Verständnis Adams hat.
Was veränderte sich durch seinen Abstieg auf die Erde? Welche Bedeutung hatten der Verlust seines Aufenthalts im Paradies, der Zugang zu den himmlischen Speisen und die damit verbundenen besonderen Lebensbedingungen? Und welche Bedeutung hat es für den Vergleich mit Jesus? Weshalb wird Jesus ausgerechnet mit diesem sehr speziellen Zustand Adams verglichen?
Diese Fragen sind deshalb relevant, weil die traditionelle Argumentation an dieser Stelle offenbar zwei verschiedene Dinge miteinander vermischt:
die Art und Weise, wie Adam erschaffen wurde,
und
den Zustand, in dem Adam später als Mensch auf der Erde lebte.
Wenn Adam tatsächlich in einem aussergewöhnlichen Zustand und in einer aussergewöhnlichen Umgebung erschaffen wurde, erscheint die Aussage, seine Erschaffung sei derjenigen Jesu sogar überlegen, weil Adam „ohne Vater und ohne Mutter“ erschaffen wurde, nicht mehr ganz so selbstverständlich. Sie berücksichtigt zwar die Frage nach der menschlichen Abstammung, lässt aber den Zeitpunkt und die Umgebung von Adams Erschaffung weitgehend ausser Betracht.
Der Gedankengang der Ausleger lässt sich daher vereinfacht so darstellen:
aussergewöhnliche Erschaffung → keine Göttlichkeit, sondern irdisch-menschliches Produkt → gleiche menschliche Natur wie Adam.
Auffällig ist dabei, dass die Veränderung zwischen Adams ursprünglichem Zustand und seinem späteren irdischen Zustand in dieser Argumentation kaum eine Rolle spielt.
Damit stellt sich eine grundlegende Frage:
Selbst wenn Al-i ʿImran 3:59 tatsächlich die Art der Erschaffung Jesu und Adams miteinander vergleicht – folgt daraus zwingend, dass ihre Naturen mit der irdischen, menschlichen Natur identisch sein müssen, wie wir sie aus unserer heutigen menschlichen Existenz kennen?
Oder muss zunächst genauer zwischen Adams ursprünglichem Zustand bei seiner Erschaffung und seinem späteren Zustand auf der Erde unterschieden werden?
Die traditionelle Interpretation vernachlaessigt diesen Aspekt: Der Vergleich mit Adam wird als Beleg dafür verstanden, dass Jesus trotz seiner aussergewöhnlichen Geburt ein Mensch wie Adam und damit ein Mensch wie wir sei.
Um den wirklichen Inhalt des Verses korrekt zu verstehen muss möglicherweise zunächst geklärt werden, wer Adam im Moment seiner Erschaffung überhaupt war, bevor aus diesem Vergleich Aussagen über die Natur Jesu abgeleitet werden können.
4.3 Aus dem Vergleich wird eine Korrektur christlicher Vorstellungen
Eine dritte Annahme kommt hinzu.
Die traditionelle Auslegung versteht 3:59 nicht lediglich als Aussage über Jesus und Adam, sondern als Antwort auf eine konkrete christliche Behauptung.
Dabei wird vorausgesetzt, dass die Christen aufgrund der aussergewöhnlichen Geburt Jesu zu der Überzeugung gelangt seien, Jesus müsse der Sohn Gottes und deshalb göttlich sein.
Der Vergleich mit Adam soll diese Schlussfolgerung widerlegen:
Wenn eine aussergewöhnliche Erschaffung die Göttlichkeit Jesu beweisen würde, müsste dies erst recht für Adam gelten. Adam wurde schliesslich ohne Vater und Mutter erschaffen.
Damit erhält 3:59 die Funktion eines Gegenarguments gegen eine christliche Christologie.
Auch diese Interpretation ist innerhalb der traditionellen islamischen Auslegung gut verständlich.
Aber hier begegnen wir einer dritten, eigenständigen Annahme:
Sagt der Koran selbst, dass Muhammad in 3:59 eine konkrete christliche Behauptung korrigieren will?
Oder stammt diese Einordnung wesentlich aus der späteren Überlieferung und Tafsir-Literatur?
Das ist keine nebensächliche Frage.
Denn wenn die korrigierende Funktion von 3:59 nicht eindeutig aus dem koranischen Text selbst hervorgeht, sondern wesentlich aus der überlieferten Gesprächssituation erklärt wird, muss zwischen dem, was der Koran sagt, und dem historischen Deutungsrahmen, in den spätere Quellen den Vers stellen, sorgfältig unterschieden werden.
Genau diese Unterscheidung möchte ich im weiteren Verlauf genauer untersuchen.
4.4 Der Mubahala-Vers als Bestätigung dieser Deutung
Schliesslich wird auch Al-i ʿImran 3:61 als Bestätigung der traditionellen Interpretation herangezogen.
Die christlichen Gesprächspartner werden dabei als diejenigen verstanden, die an einer falschen Auffassung über Jesus festhalten. Muhammad und seine Familie stehen entsprechend für die korrekte Auffassung.
Der anschliessende Gebetsfluch wird dann als Herausforderung verstanden, bei der Gott offenbaren soll, welche Seite die Wahrheit vertritt.
Auch dadurch wird 3:59 in einen klaren christologisch-polemischen Zusammenhang gestellt:
Jesus ist aussergewöhnlich – aber gerade diese Aussergewöhnlichkeit darf nicht als Hinweis auf seine Göttlichkeit verstanden werden.
Doch auch hier ist eine weitere Frage offen:
Ist der Mubahala-Vers tatsächlich so eindeutig als Herausforderung an die Christen zu verstehen?
Oder müssen zunächst die im Text selbst genannten Personengruppen und der Ablauf des Geschehens genauer betrachtet werden?
Auch diese Annahme darf meines Erachtens nicht einfach vorausgesetzt werden.
5. Die entscheidende hermeneutische Frage
Damit verändert sich auch die Ausgangsfrage.
Es geht nicht mehr lediglich darum, ob Jesus Gott ist oder nicht. Diese Frage beantwortet der Koran innerhalb seines eigenen theologischen Rahmens eindeutig.
Die interessantere Frage lautet:
Warum beschreibt der Koran Jesus auf eine Weise, die ihn innerhalb der Reihe der Propheten zugleich als außergewöhnlich und als von Gott besonders gekennzeichnet darstellt?
Und weiter:
Welche Bedeutung hat es, dass gerade seine außergewöhnliche Geburt mit Adam verglichen wird?
Wenn der Vergleich mit Adam lediglich die Funktion hätte, die Göttlichkeit Jesu zu widerlegen, wäre eine wichtige Dimension der koranischen Darstellung noch nicht erklärt: Warum wird Jesus mit so vielen außergewöhnlichen Merkmalen verbunden?
Warum ist er
ohne menschlichen Vater geboren,
mit Gottes Geist verbunden,
schon als Kind sprechfähig,
zu außergewöhnlichen Wundern befähigt,
Empfänger einer besonderen göttlichen Unterweisung,
mit den Begriffen „Wort Gottes“ und „Geist von Gott“ bezeichnet,
zu Gott erhöht
und mit den Ereignissen der Letzten Stunde verbunden?
Die traditionelle Auslegung beantwortet einen Teil dieser Fragen, indem sie immer wieder darauf hinweist, dass diese Besonderheiten keine Göttlichkeit Jesu begründen.
Das ist zweifellos ein wichtiger Punkt.
Aber daraus folgt noch nicht, dass die Besonderheiten deshalb theologisch nebensächlich sind.
Vielleicht muss man zwischen zwei Fragen unterscheiden:
Was soll der Koran über Jesus ausschließen?
und
Was will der Koran durch die außergewöhnliche Darstellung Jesu positiv aussagen?
Die erste Frage scheint in vielen Tafsir-Werken ausführlich beantwortet zu werden.
Die zweite scheint mir wesentlich weniger untersucht zu sein.
6. Eine offene Untersuchung des Vergleichs mit Adam
Als Jesusnachfolger interessiert mich deshalb besonders, ob Al-i ʿImran 3:59 tatsächlich nur als Korrektur einer christlichen Überhöhung Jesu gelesen werden sollte.
Vielleicht ist der Vergleich mit Adam nicht nur ein Argument gegen eine bestimmte christliche Schlussfolgerung, sondern zugleich ein Schlüssel zum Verständnis der besonderen Stellung Jesu im Koran.
Dann müsste man den Vers nicht gegen die übrigen außergewöhnlichen Aussagen über Jesus ausspielen. Im Gegenteil: Man müsste 3:59 gemeinsam mit diesen Aussagen lesen und fragen, ob sie sich gegenseitig erklären.
Das würde bedeuten, die traditionelle Frage
„Wie beweist 3:59, dass Jesus nicht Gott ist?“durch eine alternative Frage zu ersetzen:
„Was sagt 3:59 positives über Jesus aus? Warum wird ein gewisser Zustand Jesu ausgerechnet mit dem einmaligen Zustand Adams zur Zeit seiner Erschaffung verglichen und welche Bedeutung besitzt dieser aussergewöhnliche Vergleich innerhalb der koranischen Darstellung von Jesus?“Erst wenn dieser zweite Fragenblock ebenfalls beantwortet ist, lässt sich meines Erachtens beurteilen, ob die traditionelle Auslegung dem Vers in seiner ganzen Bedeutung gerecht wird.
Genau hier sehe ich einen möglichen Ansatz für eine weiterführende Untersuchung der koranischen Jesusdarstellung: Nicht die warnenden Aussagen sollen relativiert oder ignoriert werden. Vielmehr sollten die warnenden und die außergewöhnlich positiven Aussagen gemeinsam gelesen werden, ohne dass die eine Gruppe von Aussagen von vornherein die Interpretation der anderen bestimmt.
Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr nur, was Jesus nach dem Koran nicht ist, sondern ebenso:
Wer ist Jesus nach dem Koran – und warum beschreibt ihn der Koran in dieser außergewöhnlichen Weise?
1 Zumindest die Verse 33-63 stammen aus diesem interreligiösen Austausch (s. Sekiye Sönmez, 'Necrân'da Hıristiyanlık ve Hz. Muhammed'in Necrân Hıristiyan Din Adamlarıyla Münasebetleri', s.22, Fussnote 115 in https://dergipark.org.tr/tr/download/article-file/510838 (besucht: 16/03/2023)): 'Kaynaklarda Âl-i İmrân Suresinin kaç âyetinin Necrân Hıristiyanlarıyla ilgili olduğu hakkında farklı bilgiler bulunmaktadır. Bu çerçevede bazı kaynaklar, Surenin başından itibaren 83 âyetinin Necrân heyeti hakkında nazil olduğunu belirtmekte (İbn Kesîr, Tefsîru’l- Kur’ani’l-Azîm, I, s.343); bazıları da bu surenin farklı zamanlarda dört bölüm olarak nazil olduğunu, sadece 33-63. âyetlerin Necrân Hıristiyanlarınin Medine'ye ziyareti sırasında nazil olduğunu ifade etmekte (Ebû'l A'lâ Mevdûdî, Tefhimu'l Kur'an (Kur'an'ın Anlamı ve Tefsiri), İnsan Yayınları, İstanbul 1986, I, s.203); bir kısım kaynaklar da ise surenin başından mübâhele âyetinin sonuna kadar Hıristiyanlar hakkında nazil olduğunu belirtmektedir (H.Tahsin Emiroğlu, Esbâb-ı Nüzûl (Kur'an Âyetlerinin İniş Sebepleri ve Tefsirleri), Kuzucular Ofset, Konya 1965, c.II, s.1).'
2 z.B. Sireti İbni Hişam Cilt 2, ss. 307-309 Internet: https://archive.org/details/SiretibniHiiamCilt2/page/n307/mode/2up?q=M%C3%BCbahele (29/01/2023).

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