Der Fokus auf Jesu Gehorsam macht Maide 5:109-120 zu einem logischen Ganzen (I)
- kesfetmekursu
- 21. Juli
- 11 Min. Lesezeit

In den letzten Beiträgen konnten wir einige wichtige Punkte zu Allahs kritischer Frage in Maide 5:116 klären.
(1) Die Frage entspringt der Absicht, den absoluten Gehorsam gegenüber Jesus ins Zentrum zu stellen. Sie ist jedoch nicht motiviert durch den Wunsch, die trinitarischen Entwicklungen unter den frühen Christen zu korrigieren. Die Frage hat keinen Bezug zur Lehre der Trinität.
(2) Jesu Antwort auf die Frage entspringt nicht einer ängstlich demütigen Haltung angesichts der theologischen Entwicklungen unter seinen Nachfolgern, sondern ist ein freudig mutiges Bekenntnis seines lebenslangen absoluten Gehorsams gegenüber Gott.
Damit erweist sich Jesus als gehorsamer „letzter Adam”. Er beweist, dass er das Amt des Stellvertreters Allahs in der zweiten Schöpfung bekleiden kann. Er hat seine Nachfolger nicht in die Gottferne geführt, sondern gelehrt, gehorsame Nachfolger Allahs zu werden. Die Zeit ihrer Rückführung zu Allah ist gekommen.
Vor diesem Hintergrund unternahmen wir einen kurzen Exkurs zum Thema Gehorsam Jesu in der Bibel. Dabei spielen drei Gebiete eine besondere Rolle:
(a) Marias Gehorsam in Bezug auf die mirakulöse Empfängnis und Geburt Jesu,
(b) Jesu Gehorsam trotz der Versuchung durch den Teufel und
(c) der Gehorsam Jesu gegenüber dem Willen Gottes, für den er den Tod am Kreuz auf sich nahm.
In diesem Blog beschäftigen wir uns mit der Frage, ob dieser christliche Hintergrund dabei hilft, Allahs Frage und Jesu Antwort besser in den Kontext von Maide 5:109–120 zu integrieren, als dies bei der gängigen muslimischen Auslegung der Fall ist.
Einen Punkt haben wir bereits erarbeitet: Die Erwähnung Marias in Allahs Frage „Nehmet mich und meine Mutter als zwei Götter neben Allah” lässt sich mit dem christlichen Hintergrund natürlich und einfach erklären. In der frühen christlichen Theologie wird nicht nur Jesus mit Adam, sondern auch Maria mit Eva verglichen. Im Gegensatz zu ihren Ureltern haben sowohl Jesus als auch Maria Allah absoluten Gehorsam erwiesen und sich nie wie Adam und Eva ungehorsam zu Göttern neben Gott gemacht. Ebenso wie Jesus absolut gehorsam war, hat auch Marias Gehorsam entscheidend zur Errettung der Menschheit beigetragen. Darum wird sie in Maide 5:116 zusammen mit Jesus erwähnt. Weder Jesus noch Maria haben sich zu Göttern neben Allah erhoben. Im Gegenteil: Maria und Jesus waren Allah außerordentlich gehorsam. Deshalb hat Jesus auch nie so etwas gelehrt. Der Fokus auf Gehorsam erklärt die Erwähnung von Maria in Maide 5:116 schlüssig.
Dass der christliche Hintergrund sehr gut in den Kontext von Maide 5:109–120 passt, wollen wir anhand weiterer Beobachtungen in diesem und dem nächsten Blog aufzeigen:
a) Im Anschluss an die Erwähnung der Feier der Eucharistie
Allah stellt die kritische Frage, gerade im Anschluss an die Erwähnung seiner Gnade und der Herabsendung des Himmelstisches. Wie bereits erklärt, bezieht sich diese Herabsendung auf die christliche Feier der Eucharistie. Beim Abendmahl geht es um die Teilnahme an der Himmelsspeise. Sie wird als Medizin der Unsterblichkeit1 verstanden, die zum ewigen Leben nährt. Ignatius von Antiochia schrieb: die Gemeinde solle sich versammeln, um „ein Brot zu brechen, das die Medizin der Unsterblichkeit ist, das Gegenmittel, das uns bewahrt, damit wir nicht sterben, sondern für immer in Jesus Christus leben“. Wie wir herausgearbeitet haben, ist die Teilnahme am Himmelstisch (Abendmahl) Teil der von Allah bestimmten Reaktion der Gläubigen auf Jesus als seinen Kalifen in der zweiten Schöpfung. Allerdings ist Jesu absoluter Gehorsam gegenüber Allah bis zum Tod am Kreuz gemäß der Bibel die Grundlage dafür, dass das Abendmahl eine Auferstehungswirkung hat. Nur wenn Jesus wirklich gehorsam bis zum Tod am Kreuz war, kann sein Leib zur Himmelspeise werden und sein Blut zum Zeichen des neuen Bundes (1 Kor 11,23–26): ‘... Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.’ Die Himmelsspeise „verkündet“ Jesu Gehorsam bis zum Tod am Kreuz und damit seine Eignung, Allahs Kalif in der zweiten Schöpfung zu sein.
Allahs Nachfrage nach Jesu Gehorsam (Maide 5:116), mit der Absicht, diesen hervorzuheben, passt daher sehr gut in den Kontext des Abendmahls in Maide 5:112–115, denn Jesu Antwort entscheidet darüber, ob das Abendmahl wirksam sein kann.
b) Anspielung auf das hohepriesterliche Gebet Jesu (Johannes 17) in Maide 5:117
In seiner Antwort auf Allahs kritische Frage in Māʻida 5:117 macht Jesus die folgende Aussage: "Und ich war Zeuge über sie, solange ich unter ihnen weilte. Nachdem du mich abberufen hattest, warst du es, der auf sie aufpaßte. Du bist über alles Zeuge." Diese Worte erinnern an eine inhaltlich ähnliche Aussage Jesu im hohenpriesterlichen Gebet in Johannes 17:12–16.
Die Parallelen sind offensichtlich:
- ‘Und ich war Zeuge über sie, solange ich unter ihnen weilte’ (Maide 5:117): ‘Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde’ (Johannes 17:12).
- ‘Nachdem du mich abberufen hattest, warst du es, der auf sie aufpasste’ (Maide 5:117): ‘Nun aber komme ich zu dir, und dies rede ich in der Welt, auf dass meine Freude in ihnen vollkommen sei. Ich habe ihnen dein Wort gegeben ... Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen’ (Johannes 17:13-15).
Die Worte im Koran fassen Jesu Gebet in Johannes 17 frei zusammen und gehen davon aus, dass Gott Jesu Bitte positiv beantwortet hat und tatsächlich nach Jesu Abberufung von der Erde auf seine Nachfolger aufgepasst und sie vor dem Bösen bewahrt hat. Zwar besteht keine linguistische Abhängigkeit zwischen den beiden Texten, aber Johannes betont das Bewahren (griechisch: τηρέω, tēreō, „bewahren, erhalten“) und das Wachen. Der Koran betont das Zeugnisgeben (shahīd) und Gott als raqīb („Wächter, Beschützer“). Aber Maide 5:117 reflektiert deutlich die Struktur in Johannes 17:12-15:
Johannes 17 | Koran 5:117 |
Solange ich bei ihnen war | Solange ich unter ihnen weilte |
Bewahrte ich sie | War ich Zeuge über sie |
Nun aber komme ich zu dir, | Nachdem du mich abberufen hattest |
Bewahre du sie vor dem Bösen | Warst du es, der auf sie aufpasste |
Die konzeptionelle Ähnlichkeit ist beachtenswert:
• Jesus trägt vorübergehend eine irdische Verantwortung gegenüber den Jüngern.
• Nach seinem Weggang kümmert sich Gott direkt selbst um sie.
Allgemein lässt sich beobachten, dass Johannes die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) ergänzt, das heißt, anstatt sie zu wiederholen, bietet er oft zusätzliches Material über das Leben Jesu. So berichtet er beispielsweise nicht von Jesu Gebet im Garten von Gethsemane, in dem er sich zum Gehorsam gegenüber Gott durchrang. Stattdessen erwähnt er das hohepriesterliche Gebet in Johannes 17.
Antiochenische Kirchenväter brachten die beiden Gebete in enge Beziehung zueinander und erklärten den Zusammenhang wie folgt: Beide Gebete wurden am Abend vor Jesu Verhaftung und Kreuzigung gesprochen. Sie beinhalten dieselben Themen, jedoch aus verschiedenen Perspektiven: Jesu Gebet in Gethsemane reflektiert seine menschliche Natur,

wohingegen sein hohepriesterliches Gebet seine göttliche Natur widerspiegelt.2
Wenn der Koran in Maide 5:117 also auf das hohepriesterliche Gebet Jesu in Johannes 17 Bezug nimmt, dann besteht gemäß obiger Beobachtung bereits eine enge Verbindung zu Jesu Gebet um Gehorsam in Gethsemane. Da Jesu Antwort im Koran offensichtlich auf diese Episode Bezug nimmt, liegt der Gedanke nahe, dass Allahs kritische Frage sein Ringen um Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen betrifft (vgl. Matthäus 26). In beiden Gebeten geht es schließlich um dieselbe Angelegenheit, nämlich Jesu Gehorsam bis zum Tode. Im hohepriesterlichen Gebet drückt Jesus seinen Gehorsam wie folgt aus: ‘Ich habe dich [Gott] verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue [mit dem Tod am Kreuz]. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war [durch Erhöhung zu Gott]’ (Johannes 17:4-5).
Neben der direkten Erwähnung von Teilen des Gebets Jesu aus Johannes 17 in Maide 5:116ff. gibt es auch weitere thematische Parallelen zwischen den beiden Texten:
- So erklärt Jesus in Maide 5:117, was er seinen Nachfolgern über Allah gelehrt hat: ‘Ich habe ihnen nur gesagt, was du mir befohlen hast (nämlich): "Dienet Allah, meinem und eurem Herrn!"’ In ähnlicher Weise spricht Jesus auch in Johannes 17:5–8 über seine Lehre an die Jünger: ‘Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.’ In beiden Texten hat Jesus nur das gesagt, was Allah ihm befohlen hat. Der Inhalt der Botschaft war in beiden Fällen nur ‘dienet Allah, meinem und eurem Herrn!’ wobei Johannes klarer ausführt was in Maide nur vom Kontext erschlossen werden kann: ‘Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen’ (Johannes 17:3). Denn nach Maide 5:109-120 bedeutet, Allah zu dienen, die Gnadengaben Allahs an Jesus zu verstehen und darauf mit Taufe und Teilnahme am Abendmahl zu reagieren, das heißt, Jesus als Christus/Stellvertreter Allahs zu erkennen – sowohl durch Verständnis als auch durch die daraus resultierende Tat. Wie wir in Maide 5:119 sehen werden, führt Wahrhaftigkeit gegenüber dieser erkannten Wahrheit zur Aufnahme im Paradies, wie in Johannes 17:3 formuliert.
- Das Thema der Einheit, das in Maide 5:114 bereits angedeutet wurde, ‘ein Fest ... für den Ersten von uns und für den Letzten von uns’ (Ahmadeyya), ‘von jetzt an bis in alle Zukunft’ (R. Paret), – wird auch in Johannes 17:20–23 erwähnt: ‘Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.’ Nach Maide 5:114 äußert sich diese Einheit durch die alle Gläubigen umfassende Teilnahme am vom Himmel herabgesandten Tisch (‘den Ersten von uns und den Letzten von uns’), über alle Generationen hinweg (‘von jetzt an bis in alle Zukunft’) . Der Koran spricht also von einer liturgischen Einheit (ʿied), die nicht nur die ursprünglichen Jünger Jesu, sondern auch alle umschließt, die durch das Wort der Jünger an Jesus glauben werden.
Im Hohenpriesterlichen Gebet bittet Jesus genau um diese generationenübergreifende Einheit: Auch die nachfolgenden Generationen von Christen (‹die durch ihr Wort [z.B. das Evangelium] an mich glauben werden›) sollen eins sein, wie Christus und der Vater eins sind.
- So wie Jesus in Maide 5:118 Fürsprache für seine Nachfolger tut, tut er es auch in Johannes 17:24: ‘Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast …’. In Maide 5:118 lautet diese Fürsprache folgendermaßen: ‘Wenn Du sie bestrafst, sind sie Deine Diener, und wenn Du ihnen verzeihst, bist Du wahrlich der Allmächtige, der Allweise.’ Die Menschen, die Gott Jesus gegeben hat werden im Koran als Allahs Diener bezeichnet. Jesu Wunsch ‘Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast’ findet im Koran in den Worten ‘wenn Du ihnen verzeihst, bist du wahrlich der Allmaechtige, der Allweise’ einen Wiederklang.
- Jesu Fürsprache gründet sowohl in Johannes 17:24-25 (Gott, der ‘gerechte Vater’ liebte Jesus bereits vor Grundlegung der Welt) als auch in Maide 5:118 (falls Allah Jesu Nachfolgern vergibt, erweist er sich als allmaechtig und allweise) auf Gottes Charakter.
Es liegt demnach eine weitere Parallele im Erzählablauf von Maide 5:116–120 und Johannes 17 vor: erfüllte Mission Jesu, die Jünger werden nach Jesu Abberufung Gott anvertraut, Aufruf zur Einheit unter Jesu Anhängern, auch generationenübergreifend, klärende Worte zu dem, was Jesus lehrte, mit speziellem Hinweis auf korrekte Wiedergabe von Gottes Offenbarung, abschließender, auf Gottes Charakter gründender Fürsprech-Appell (‘gerechter Vater’ (Joh.17:25); der Allmaechtige und der Allweise (Maide 5:118)).
Die Parallelen zwischen Maide 5:114-119 und Johannes 17 können folgendermassen zusammengefasst werden:
Koran 5:114–119 | Johannes 17 |
Gespräch zwischen Allah und Jesus über seine irdische Mission | Reflexion Jesu über seine irdische Mission in Gebetsform |
Gottes Geschenk an die Jünger dank Jesu Bitte (Tisch vom Himmel – verstanden von Christen als Speise zum ewigen Leben) | Ewiges Leben geschenkt durch den Sohn, Jesus; Gebet findet gerade im Anschluss an die Einführung des Abendmahls (Johannes 13 gelesen im Lichte der synoptischen Evangelien) statt |
Betonung der festlichen generationenübergreifenden Vereinigung der Gläubigen | Betonung der Einheit unter den Gläubigen im Anschluss ans Gemeinschaftsmahl im Zusammenhang mit dem Pesah-Fest |
Jesus hat seinen Auftrag erfüllt | "Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue." (17:4) |
Jesus lehrte nur, was Gott befahl | "Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben" (17:8) |
Jesus hat Gottes Botschaft bekannt gemacht | "Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart" (17:6) |
Jesus umsorgte die Jünger, solange er bei ihnen war; er war ihr Zeuge (5:117) | Jesus "erhielt sie" (17:12) solange er bei ihnen war |
Jesus verlässt die Jünger und die Welt | Jesus kehrt zurück zum Vater und lässt die Jünger in der Welt zurück |
Gott wacht nun über sie | Der Vater bewahrt sie vor dem Bösen |
Jesus tritt führsprechend für seine Nachfolger ein, wobei sein letzter Appell sich auf Gottes Charakter (Allmacht und Allwissend/gnädig) bezieht | Jesus bittet Gott seine Nachfolger in den Himmel aufzunehmen. Er basiert diesen letzten Appell auf Gottes Gerechtigkeit und Liebe. |
Herzliche Aufnahme der Gläubigen im Paradies (5:119) | In Maide 5:119 ist erfüllt, was Jesus in Johannes 17:24 ("Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war") erbittet |
Diese ungewöhnlich vielen literarischen, konzeptionellen und vor allem strukturellen Übereinstimmungen zwischen der Sure Maide und dem Johannesevangelium Kapitel 17 sind bemerkenswert. Es sind zu viele, als dass man sie als bloßen Zufall abtun könnte. Meiner Ansicht nach deuten sie – aus welchen Gründen auch immer – auf eine enge theologische Nähe zwischen diesen beiden Texten hin. Die von den Kirchenvätern bereits beobachtete Verwandtschaft zwischen Jesu Gebet in Johannes 17 und seinem Kampf, Gott bis in den Tod gehorsam zu sein (siehe das Gebet Jesu in Gethsemane), unterstützt unsere These: Allahs kritische Frage ist nicht trinitarisch motiviert, sondern betrifft Jesu Gehorsam. Wie ließe sich sonst die Tatsache erklären, dass der Koran in Jesu Antwort ausgerechnet auf einen Text mit hoher Christologie3 Bezug nimmt?
Der Fokus auf Jesu Gehorsam macht Maide 5:109-120 zu einem logischen Ganzen
Wir halten fest: Der enge Bezug zu Johannes 17 in Jesu Antwort auf Allahs kritische Frage in Maide Sure 5, Verse 116–117 deutet eindeutig darauf hin, dass Allahs Frage das Ziel hat, Jesu Gehorsam bis zum Tod am Kreuz herauszustellen. Erst mit diesem Hintergrund werden Allahs Absicht und Jesu Antwort in ihrer ganzen Tiefe verständlich. Allahs Frage steht nicht im Widerspruch zu seiner Lobrede über Jesus in Maide 5:110–115, sondern führt diese zum krönenden Höhepunkt: Jesus war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Jesu Antwort ist kein peinlich-berührtes, ängstliches Reagieren auf die Entwicklungen seiner späteren Anhänger, sondern ein freudiges Bekenntnis zum gelebten absoluten Gehorsam, der Jesus in Allahs Augen wohlgefällig macht und ihn schlussendlich dazu befähigt, das Amt des Fürsprechers mit Allahs Einwilligung wahrzunehmen. Der Fokus auf Jesu Gehorsam macht Maide 5:109-120 zu einem logischen Ganzen.
Im nächsten Beitrag wollen wir weitere Bezüge zwischen dem Thema von Jesu Gehorsam in Maide 5:116–117 und dem weiteren Kontext hervorheben.
1 Ignatius von Antiochia in seinem Brief an die Epheser (um 110 n. Chr.).
2 Die Kirchenväter betrachteten das Hohepriesterliche Gebet (Johannes 17) und das Gebet in Gethsemane (Matthäus 26) als sich ergänzende Eckpunkte der letzten Stunden Jesu: Ersteres ist seine himmlische Verkündigung der Herrlichkeit, Letzteres die irdische Unterwerfung seines menschlichen Willens. Um die beiden Gebete miteinander zu verbinden, bedienten sich einige Kirchenväter des Konzepts der zwei Willen: Da Christus ganz Gott und ganz Mensch ist, besitzt er zwei Willen (einen göttlichen und einen menschlichen Willen).
In Gethsemane kommt die natürliche menschliche Angst Jesu vor dem Tod zum Ausdruck („lass diesen Kelch an mir vorübergehen“), doch unterwirft er seinen menschlichen Willen frei und vollkommen dem göttlichen Willen („doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“).
In Johannes 17 offenbart sich der göttliche Wille Jesu in höchstem Maße in seiner Unterordnung unter den Auftrag des Vaters, in seinem Wunsch, Gott zu verherrlichen, und in seiner Fürbitte für das ewige Heil, den Schutz und die Einheit seiner Nachfolger.
3 Die Christologie in Johannes 17 ist mit der verbreiteten Muslimischen Theologie nicht zu vereinbaren. Während muslimische Exegeten Jesus als strikt untergeordneten Propheten und Gesandten versteht, bezeugt Johannes 17 die wesensgleiche Präexistenz und Göttlichkeit Jesu (Joh 17,5) als Sohn Gottes.

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