Jesu Fürsprache für seine Nachfolger

Wie bereits erwähnt, ist Maide 5:109–119 äußerst sorgfältig aufgebaut:
– Allah wählt Jesus ausdrücklich aus der Gruppe aller seiner Botschafter aus (Maide 5:109–110).
– Allah zählt Jesus die Gnaden auf, die er ihm erwiesen hat, und bestätigt ihn damit als seinen Repräsentanten in der zweiten Schöpfung (5:110).
– Die Jünger reagieren im Gehorsam gegenüber Allahs Repräsentanten Jesus, symbolisch ausgedrückt durch das Zeichen der Taufe (5:111).
– Allah erhört die Bitte der Jünger um zusätzliche Stärkung ihres Glaubens an Jesus als Kalifen Allahs in der zweiten Schöpfung. Allah gewährt ihnen diese Stärkung durch Teilnahme am Abendmahl, dem himmlischen Tisch (5:112–115).
– Allah stellt eine kritische Frage, woraufhin Jesus seinen absoluten Gehorsam bis zum letzten Atemzug beteuert: Er hat seine Nachfolger immer nur gelehrt, was Allah absolut wohlgefällig war (5:116–117).
– Zu Lebzeiten zeugte Jesus selbst über seine Anhänger, danach übernahm Allah diese Wächterrolle (5:117).
– Jesus spricht über seine Anhänger vor Allah (5:118).
- Allah verkündet das endgültige Urteil über die Menschheit (5:119) und feiert es als „größten Erfolg” (5:119).
– Jetzt hat Allah wieder die unangefochtene, totale Herrschaft über den ganzen Kosmos und alles, was sich darin befindet (5:120).
Dies ist keine zufällige Sammlung von Aussprüchen. Alles läuft auf die letzten Worte Jesu (V. 118) und das Urteil Allahs (V. 119–120) hinaus. Wenn die Aussage Jesu in 5:118 keine juristische Funktion hätte, wäre es merkwürdig, dass sie unmittelbar vor dem Urteil den Höhepunkt bildet.
Unser Ziel in diesem Beitrag ist es, besser zu verstehen, was Jesus über seine Nachfolger in Maide 5:118 genau aussagt.
Kriterien für den Fürsprecher
Im Koran erfüllt Jesus in Maide 5:109–119 exakt die Kriterien, die in TaHa 20:109 für einen erfolgreichen Fürsprecher aufgestellt werden: „An diesem Tag nützt keine Fürsprache, außer (der Fürsprache) desjenigen, dem Der Allgnade Erweisende die Zustimmung gab [Zaidan], und wenn die Worte des Fürsprechers Ihm wohlgefällig sind [Azhar].”:
Zustimmung Allahs: Allah hat Jesus aus allen Seinen Gesandten speziell auserwählt (5:109–110) und ihn vor allen anderen Botschaftern mit außerordentlichen Gnadenerweisen geehrt (5:110–115).
Seine Worte sind Allah wohlgefällig: Jesus sagt nur, was Allah gefällt: „Ich habe ihnen nichts gesagt, außer dem, womit du mich beauftragt hast” (5:116–117).
Seine Fürsprache nützt: Gott verkündet unmittelbar auf Jesu Fürsprache das endgültige Urteil: „Dies ist (jetzt) der Tag, an dem den Wahrhaftigen ihre Wahrhaftigkeit nützt. Ihnen werden Gärten zuteil, in deren Niederungen Bäche fließen, und in denen sie ewig weilen werden. Allah hat Wohlgefallen an ihnen und sie an ihm. Das ist das große Glück (al-fauz al-`aziem)“ (5:119).
Auch aus biblischer Perspektive deutet in Maide 5:116–117 alles darauf hin, dass Jesus als Nächstes Fürsprache einlegen wird. Die Szene spielt beim Jüngsten Gericht. Gerade hat er seinen absoluten Gehorsam bis zum Tode am Kreuz beteuert (Maide 5:116–117). Gemäß Hebräer 5:5-10 ist es der Gehorsam Jesu in Gethsemane, der ihn zum Urheber der ewigen Seligkeit und zum Hohenpriesteramt befähigt: „So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat Ps 2,7: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« Wie er auch an anderer Stelle spricht Ps 110,4: »Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.« Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden, von Gott genannt ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.“
Wir entdecken dieselbe konzeptuelle Abfolge – absoluter Gehorsam Jesu, hohepriesterliche/fürsprechende Funktion gegenüber Nachfolgern und ewige Seligkeit – sowohl in Hebräer 5:5-10 als auch in Maide 5:116-119.
Mit großer Spannung und besonderer Aufmerksamkeit, was Jesus nun wirklich sagen wird, wenden wir uns den fürsprechenden, hohepriesterlichen Worten Jesu in Maide 5:118 zu:
„Solltest DU sie peinigen, so sind sie doch Deine Diener. Doch solltest DU ihnen vergeben, so bist DU gewiß Der Allwürdige, Der Allweise“ (Zaidan).
Handelt es sich bei Jesu Worten in Maide 5:118 um Fürsprache?
Erfüllen diese Worte den durch den Kontext und den biblischen Vergleich aufgebauten Anspruch? Handelt es sich bei diesen Worten wirklich um Jesu Fürsprache für seine Nachfolger? Alle von mir konsultierten muslimischen Ausleger kommen zu einem negativen Schluss. Sayyd Qutb fasst den generellen Tenor wie folgt zusammen: „Jesus schließt damit, das Schicksal seines Volkes gänzlich Allah zu überlassen.”1 In muslimischen Kreisen wird also davon ausgegangen, dass Jesus keine Fürsprache für seine Nachfolger ergreift, sondern die Entscheidung über das endgültige Urteil völlig Allah überlässt: „Allah ist in der Lage, ihnen zu vergeben oder sie zu bestrafen. Ob Er sich nun für das eine oder das andere entscheidet, diese Entscheidung beruht auf Seiner Weisheit, die in gleichem Maße wirkt, ganz gleich, welches Schicksal Er für sie bestimmt.“2
Nach dieser Auslegung nimmt Jesus im Bezug auf das Urteil seiner Nachfolger keine ersichtliche Stellung ein und er tut deshalb keine Fürsprache für sie.
Was einige Ausleger allerdings irritiert, ist Jesu lasche Haltung gegenüber schlimmen Sündern. Sie verstehen den Kontext so, dass Jesu spätere Anhänger die schlimmste Sünde, den Schirk, praktizierten (so ihre Auslegung von Maide 5:116-117). Sie fragen sich: „Wie kann es zulässig sein, dass Jesus ... sagt: ‚Wenn du ihnen vergibst‘, obwohl Allah der Erhabene den Götzendienst nicht vergibt?“3 Ihrer Meinung nach müsste Jesus aufgrund von Nisa 4:484 engagierter gegen seine späteren Nachfolger Stellung beziehen. Anstatt überhaupt die Möglichkeit der Vergebung zu erwägen, müsste Jesus eigentlich für die schlimmstmögliche Bestrafung seiner Nachfolger eintreten. Nach ihrer Meinung dürfte Jesus sicher keine Fürsprache tun, selbst seine Neutralität wirkt für viele unhaltbar. Um dem schrecklichen Abfall seiner Nachfolger gerecht zu werden, müsste Jesus das Gegenteil von Fürsprache, nämlich Verdammung, praktizieren.5
Unsere Ausgangslage unterscheidet sich grundsätzlich von der dieser Ausleger. Wir gehen davon aus, dass es im Kontext nirgends um Nachfolger Jesu geht, die Schirk praktizieren. Vielmehr haben wir gezeigt, dass sich Allahs kritische Frage aus christlicher Sicht nicht an sie, sondern an Jesu Gehorsam bis zum Tod am Kreuz richtet. Damit stehen Jesu Worte in einem völlig neuen Kontext und bedürfen einer grundlegend neuen Einschätzung, was ihre Bedeutung anbelangt. Vor dem Hintergrund dieser neuen Grundlage müssen wir nun entscheiden, ob Jesus in Maide 5:118 Fürsprache für seine Anhänger tut oder nicht.
Zwei interessante Beobachtungen
Zwei bereits früher erwähnte, sehr spannende Beobachtungen sollen hier nochmals in Erinnerung gerufen werden:
1. Frühe Ausleger diskutierten den exakten Wortlaut von Maide 5:118. 'Wahidi (r. h.) überlieferte, dass dieser Satz im Mushaf von ʿAbdullāh ibn Masʿūd6 (r.a.) die Form hatte: „Wenn du ihnen vergibst, bist du gewiss allverzeihend und barmherzig” [Hervorhebung von mir], statt der jetzt gefundenen Wortwahl: „der Mächtige und Allweise” (Maide 5:118).'7
Einer Überlieferung zufolge stand bei den unterschiedlichen Lesearten die Frage im Raum, ob Jesus hier als Fürsprecher auftritt. Ein Gelehrter begründet die Präferenz für die heute gängige Wortwahl in Maide 5:118 wie folgt: „Wenn Jesus gesagt hätte: ‚Du bist barmherzig und gnädig‘, dann hätte das bedeutet, dass er ihr Fürsprecher sein könnte. Aber wenn er das nicht sagte, sondern sagte: ‚Du bist der absolute Sieger (Heilige), der einzige Richter und der einzige Souverän und der einzige Weise‘, dann deutet dies darauf hin, dass Jesus die Absicht hatte, alles Allah zu überlassen und sich in diesen Angelegenheiten in keiner Weise einzumischen.“8
Wie diese Hadithe belegen, wurde die Entscheidung für den ursprünglichen Wortlaut von Maide 5:118 nicht völlig neutral getroffen. Offensichtlich waren einige Ausleger daran interessiert, jeglichen Eindruck zu eliminieren, dass Jesus hier Fürbitte einlege. Deshalb entschieden sie sich für die weniger „verdächtige” Wortwahl.
Für uns ist die Tatsache interessant, dass der Vers bei einigen Auslegern den Eindruck erweckte, Jesus könnte Fürsprache für seine Nachfolger eingelegt haben.
2. Im starken Kontrast zu späteren Exegeten scheint Mohammed selbst die Worte Jesu in Maide 5:118 als explizite Fürsprache für eine Glaubensgemeinschaft verstanden zu haben. Gemäß einer Hadis gebrauchte er exakt dieselben Worte, um für seine Umma Fürsprache einzulegen:
„Ebu Zer berichtet, dass der Prophet (s.a.s.) eines Nachts bis zum Morgen betete und dabei ständig den Vers „Wenn Du sie bestrafst, so sind sie Deine Diener (Du tust, was Du willst); wenn Du ihnen vergibst, so bist Du wahrlich der Allmächtige, der Allweise!“ (Maide, 5/118) rezitierte; ja, er wiederholte ihn sogar in der Ruku und in der Sujud. Daraufhin fragte er: „O Gesandter Allahs! Warum rezitierst du ständig diesen Vers; warum wiederholst du ihn sogar in der Ruku und in der Sujud?“ Der Prophet (Friede sei mit ihm) antwortete: „Ich habe meinen Herrn gebeten, für meine Umma Fürsprache einzulegen. Und Er hat mir dies gewährt. Meine Fürsprache wird jeden erreichen, der Allah nichts beigesellt.“9
Es stellt sich die Frage, was Mohammed in diesem Vers gesehen hat, was späteren Exegeten verborgen geblieben ist. Weshalb stuft Mohammed den Vers als deutliche Fürsprache ein, während muslimische Ausleger nur noch die Abgabe der Gerichtsgewalt und Entscheidung an Allah erkennen können?
Um diese Fragen zu beantworten, betrachten wir zunächst den Wortlaut und die zugrunde liegende Grammatik von Jesu Worten in Maide 5:118 genauer.
Wortlaut und Grammatik von Maide 5:118
Māʾida 5,118 verbindet eine streng symmetrische Syntax:
1. Konditionalsatz: Wenn Du sie bestrafst → dann sind sie Deine Diener.
2. Konditionalsatz: Wenn Du ihnen vergibst → dann bist Du der Mächtige, der Weise.
Gleichzeitig beinhaltet Maide 5:118 eine bewusst asymmetrische Semantik:
Der 1. Nominalsatz blickt auf die Beziehung der Menschen zu Gott: „Deine Diener”.
Der 2. bezieht sich ausschließlich auf Gottes Wesen: „Du bist der Allmächtige und Allweise”.
Die beiden vollkommen parallelen Konditionalsätze eröffnen gleichermaßen die Möglichkeit von Gericht („wenn du sie bestrafst”) und Vergebung („wenn du ihnen vergibst”). Rein grammatikalisch ist dies keine rhetorische Frage und kein Wunsch. Jesus sagt oberflächlich betrachtet weder „Bestrafe sie!” noch „Vergib ihnen!”. Er formuliert beide Möglichkeiten als echte Bedingungen.
Die Antwortsätze bestehen aus zeitlosen Nominalsätzen. Im ersten Fall betonen sie die bleibende Beziehung der Nachfolger Jesu zu Gott („sie sind deine Diener“), im zweiten Fall Gottes unveränderliches Wesen („du bist der Mächtige und der Weise“).
Die zusätzliche Hervorhebung durch das Pronomen anta (betonte Wiederholung von „Du”) sowie die unerwartete Wahl der Gottesattribute al-ʿAzīz und al-Ḥakīm lenken den Blick von der Handlung Gottes (Bestrafung oder Vergebung) auf seine souveräne Person, genauer auf seinen Charakter. Gerade diese Verbindung aus grammatischer Symmetrie, semantischer Offenheit und rhetorischer Asymmetrie macht den Vers außergewöhnlich dicht und erklärt seine große interpretatorische Tragweite.
Mit der alternativen Wortwahl al-Ġafūr ar-Raḥīm („Barmherziger” und „Gnädiger”) als Charaktereigenschaften von Allah würde sich ein theologischer Vorrang in Richtung „Vergebung” ergeben. Grammatikalisch handelte es sich immer noch um eine Feststellung. Rhetorisch wäre es jedoch mehr: „Wenn du vergibst, entspricht das deinem barmherzigen und gnädigen Wesen.” Das käme einer Fürbitte sehr nahe.
Weiterhin interessant ist die Tatsache, dass die beiden Verben „bestrafen” und „vergeben” nur im Konditionalsatz stehen. Die eigentliche Aussage liegt in den beiden Nominalsätzen. Dadurch rücken nicht die Handlung Gottes (Vergebung oder Bestrafung), sondern Gottes Verhältnis zu den Nachfolgern Jesu und im zweiten Satz sein eigenes Wesen in den Mittelpunkt.
Wer sind „Allahs Diener”?
Eine ganz wichtige Frage, die es noch zu klären gilt, ist, über wen Jesus hier spricht. Der Vers spricht nur allgemein von „sie”. Der Kontext bestimmt, dass es sich um diejenigen Menschen handelt, die Jesus gelehrt hat, Allah zu dienen (ʿbudū), über die Jesus selbst Zeuge war (šahīd), solange er auf dieser Erde weilte, und über die später sogar Allah selbst das Wächteramt (raqīb) ausübte (5:117). Jesus bezeichnet sie in 5:118 interessanterweise schlussendlich mit Bezugnahme auf ihre Beziehung zu Allah als Allahs „Diener”, nicht als „meine Nachfolger”.

Der Ausdruck „Allahs Diener” (ʿibâduk(e)) kann im Koran verschiedene Bedeutungsnuancen annehmen. Die Bedeutung im vorliegenden Fall muss aus dem Kontext erschlossen werden:
a) Zunächst könnte es einfach „deine Geschöpfe” bedeuten, unabhängig von ihrer religiösen Einstellung oder ihrem aktuellen Verhältnis zu Allah. Dabei handelte es sich um von Allah erschaffene Menschen. Jesus würde dann aussagen, dass Allah als ihr Schöpfer das Recht hat, mit ihnen zu verfahren, wie es ihm beliebt. Die meisten muslimischen Ausleger gehen von dieser neutralen Bedeutung von „Diener” aus.
b) Der Zusammenhang mit 5:117 macht es schwer, diese neutrale Bedeutung zu verteidigen. Eine andere mögliche Bedeutung des Wortes „Diener” scheint vom Kontext her wahrscheinlicher: „Allahs treue Diener”.
Vers 5:117 lautet: „Dient (uʿbudū) Allah, meinem Herrn und eurem Herrn!”
Vers 5:118 lautet: „Denn sie sind deine Diener (ʿibāduka).”
Beide Ausdrücke „dient” (V. 117) und „Diener” (V. 118) stammen von derselben Wurzel:
ع ب د (ʿ-b-d)
• ʿabada = dienen, verehren
• uʿbudū = dient! (Imperativ)
• abd = Diener
• ʿibād = Diener (Plural)
Dies ist keine zufällige Ähnlichkeit, sondern eine offensichtliche Wortverwandtschaft.Jesus bezeichnet die Menschen, an die seine Botschaft gerichtet war, also mit genau demselben Wortstamm, den er zuvor in seinem Auftrag verwendet hat: „Dient Allah!” (uʿbudū) – „Sie sind deine Diener“ (ʿibāduk(e)). Dadurch entsteht eine bewusste literarische Verbindung zwischen Jesu Verkündigung und seiner abschließenden Rede vor Gott. Diejenigen, die Jesus zum Dienst Gottes aufgerufen hat, beschreibt er nun als Gottes Diener.
Da „Allahs Diener” (V. 118) von Jesus gelernt haben, Allah zu dienen (V. 117), scheint das Bedeutungsspektrum von „Allahs treuen Dienern” im Blickfeld zu stehen. Dieser Eindruck wird durch die Tatsache verstärkt, dass Jesus bis zu seiner Abberufung Zeuge über sie war und danach Allah selbst über ihnen gewacht hat.
Der Koran verwendet raqīb (Wächter) häufig für Gottes allgegenwärtige Aufsicht (z. B. Sure 4,1; 33,52). Der Begriff könnte allerdings mehr als bloße Beobachtung meinen und auch eine Komponente des Bewahrens beinhalten10: „Sie stehen weiterhin unter deiner fürsorglichen und richterlichen Aufsicht.” Immerhin ist Allah Wächter über Jesu Nachfolger, aber nur Zeuge über alle anderen Wesen und Dinge. Angesichts von Allahs Interesse an Jesu Nachfolgern
– Er hat ihnen den Glauben eingegeben (Maide 5:111) und ihre außerordentliche Bitte um einen Tisch vom Himmel gnädig gewährt (Maide 5:112–115)
– und seiner speziellen Beziehung zu Jesus, den Er gerade als seinen Stellvertreter in der zweiten Schöpfung bekannt gemacht hat,
wäre es sehr erstaunlich, wenn das Wächteramt Allahs in Maide 5:117 keine fürsorglichen Aspekte beinhaltete.
In Hicr 15:39-50 werden Allahs treue Diener wie folgt ausgezeichnet:
„Iblies sagte: "Herr! Darum, daß du mich hast abirren lassen, werde ich es ihnen [Allahs Geschöpfen] im schönsten Licht erscheinen lassen (was es) auf der Erde (zu genießen gibt) und sie allesamt abirren lassen, mit Ausnahme deiner auserlesenen Diener (die es) unter ihnen (gibt) [ʿibâdika minhum al-muḥlasīn]." Allah sagte: "Das ist für mich ein gerader Weg. Über meine Diener [‘ibâdî] hast du keine Vollmacht, abgesehen von denen, die abirren und dir folgen. Und die Hölle ist dereinst das Stelldichein für sie alle. … Die Gottesfürchtigen dagegen befinden sich (dereinst) in Gärten und an Quellen. (Es wird zu ihnen gesagt:) „Geht mit ‚Heil!‘ (begrüßt) in Sicherheit (und Frieden) in sie ein!“ … Sie haben darin keine Mühsal zu erleiden und werden nicht (wieder) daraus vertrieben. Gib meinen Dienern kund, daß ich derjenige bin, der barmherzig ist und bereit zu vergeben, daß aber, wenn ich bestrafe, es eine schmerzhafte Strafe sein wird!”
In diesen Versen, in denen die gültige Ordnung für die Menschen festgelegt wird, als diese noch in Allahs unmittelbarer Nähe lebten und nicht in Gottesferne auf der Erde, verspricht Allah, „Seine Diener” ins Paradies aufzunehmen.
Falls diese Bedeutungsvariante in Maide 5:118 zutrifft, würde Jesus mit dem Ausspruch „Deine Diener” Allah an die besondere Beziehung zu seinen Nachfolgern und an das Versprechen aus Hicr 15:39–50 erinnern. Jesu Nachfolger hätten vermutlich eine Strafe verdient, dennoch stehen sie in einer engen Beziehung zu Allah. Sie sind Allahs auserwählte Diener, denen er mit seinen eigenen Worten den Eingang ins Paradies versprochen hat. Deshalb würde Allahs Verurteilung einem Wortbruch gleichkommen, während seine Vergebung seinem Versprechen in Hicr 15:39-50 gerecht werden würde. Allah würde sich somit als der Mächtige erweisen, der seine Versprechen auch umsetzen kann, und als der Weise, weil er in kluger Voraussicht diesen Ausgang bereits zur Zeit Adams angekündigt hat. Bei dieser Leseart würde eine Aufnahme ins Paradies bedeuten, dass Allah seinem Charakter gerecht geworden ist.
Jesu Worte in Maide 5:118 wären damit nicht mehr neutral. Vielmehr platzierte Jesus unter diesem Blickwinkel eine feine, aber sehr klare Bitte innerhalb seiner betonten Anerkennung von Allahs absoluter Autorität und der Unterordnung unter diese. Jesus bezeugte damit, dass allein Allah das Urteil zusteht, implizierte aber gleichzeitig, dass Allah durch Vergebung und Akzeptanz „Seiner Diener” seinem eigenen Charakter und ihrer Beziehung zu ihm gerecht wird. Mit vergebender Annahme würde Allah sicherstellen, dass sein bereits am Anfang der Schöpfung gegenüber Satan eröffneter Heilsplan auch tatsächlich zur Erfüllung kommen wird.
c) Die dritte Bedeutungsvariante von „Diener” im Koran betrifft Gottes erwählte Knechte, also Propheten wie beispielsweise Mose und Jesus. Vom Kontext her trifft dieses Bedeutungsfeld bestimmt nicht zu. Erwählte Knechte mögen zwar in der Schar der Nachfolger Jesu miteingeschlossen sein, sie machen aber mit Sicherheit nicht die gesamte implizierte Gruppe aus.
Wie bereits festgestellt, ist aus dem Zusammenhang eindeutig Variante b) zu bevorzugen. Unterstützt wird diese Wahl durch die folgende Beobachtung islamischer Gelehrter bezüglich dieser Diener: Sie sind nicht perfekt, sondern Sünder, aber Sünder unter Gläubigen:
„Die Worte des Propheten Jesus (Friede sei mit ihm): ‚Wenn Du sie bestrafst, so sind sie doch zweifellos Deine Diener‘, beziehen sich nicht auf diejenigen, die Belohnung und Lohn verdient haben. Denn es wäre nicht angemessen, sie zu bestrafen. Diese Worte können auch nicht über die Ungläubigen gesagt worden sein. Denn die Worte des Propheten Jesus (Friede sei mit ihm): ‚Wenn Du ihnen vergibst, dann bist Du wahrlich der Allmächtige, der Einzige, der über Herrschaft und Weisheit verfügt …‘, können sich nicht auf die Ungläubigen beziehen. Daher deutet dieser Vers darauf hin, dass sich diese Aussage auf die Sünder unter den Gläubigen bezieht.“11
Auch wenn Jesu Nachfolger nicht ganz exakt zu den auserwählten Dienern gehören sollten, gibt Sure 39:53 ihnen doch Grund zur Hoffnung auf Akzeptanz im Himmel, denn dort heißt es: "Sag: Ihr meine Diener, die ihr gegen euch selber nicht maßgehalten habt! Gebt nicht die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Allahs auf! Allah vergibt (euch) alle (eure) Schuld. Er ist es, der barmherzig ist und bereit zu vergeben.“
Mir fällt keine Koranstelle ein, an der Allah Menschen, die endgültig verworfen sind, positiv als „Meine Diener” bezeichnet. Im Gegenteil. Wenn vom endgültigen Gericht die Rede ist, werden sie gewöhnlich mit negativeren Bezeichnungen genannt:
– die Ungläubigen,
– die Frevler,
– die Lügner,
– die Polytheisten.
Aber bestimmt nicht: „Meine Diener”.
Aufgrund dieser obigen, von muslimischen Gelehrten vorgetragenen Interpretation fällt die Bedeutungsmöglichkeit a) endgültig weg. Die hier als „Diener” bezeichneten Menschen wollen zumindest zur Gruppe von Allahs treuen Dienern gehören – sie sind gläubig –, auch wenn ihnen das nicht vollständig gelingt, da sie sündigen. Doch Allah hat ihnen Hoffnung auf Vergebung versprochen (Sad 39:53).
Jesu Fürsprache für seine Nachfolger
In Verbindung mit Maide 5:117 und der Bedeutung von „Deine Diener” haben wir eine Spur von impliziter Fürsprache in Maide 5:118 entdeckt, der wir noch etwas genauer nachgehen wollen:
a) Obwohl Jesus weiß, dass seine Nachfolger nicht perfekt sind, zweifelt er keinen Moment daran, dass sie zu „Allahs Dienern” – das heisst, Allahs treuen Dienern oder wenigstens zu solchen Dienern, die eine berechtigte Hoffnung auf Vergebung haben können – gehören. Damit haben sie aufgrund von Allahs Charakter gute Chancen auf Aufnahme im Paradies. Wie kommt Jesus zu dieser überraschenden Behauptung? Woher gewinnt er diese Überzeugung? Wie kann er sich dieser Bezeichnung für seine Nachfolger so sicher sein?
Die Grundlage liegt weder in einer moralischen Bilanz noch in einem Anspruch der betroffenen Menschen. Sie beruht ausschließlich auf ihrer Beziehung zu Jesus (Maide 5:111–115) und Allahs wachender Zuwendung zu ihnen (Maide 5:117). Es ist Jesu absoluter Gehorsam gegenüber Allah (Sure 5, Verse 116–117), der sicherstellt, dass seine Nachfolger erfahren, wie man Allah korrekt dient (Sure 5, Vers 117). Dies wiederum löst Allahs wachende Zuwendung aus. Das Zusammenspiel von Jesu Gehorsam, der Reaktion seiner Nachfolger auf seine Lehre und Allahs gnädigem Wachen über sie führt schließlich dazu, dass Jesus sie als Allahs mehr oder weniger treu ergebenen Diener bezeichnen kann.
Die Beziehung der Menschen zu Allah beginnt somit mit Allahs Sendung von Jesus und seiner erfolgreichen Ausführung des göttlichen Auftrags. Die Menschen werden nicht aufgrund ihrer moralischen Vollkommenheit als Gottes Diener bezeichnet, sondern weil sie durch Jesu Sendung auf Gott ausgerichtet wurden. Weil Allah selbst nach Jesu Abberufung über sie wacht, gründet ihre bleibende Zugehörigkeit zu Gott letztlich auf Gottes eigener Treue. Obwohl ihr Verhalten Allahs Strafe rechtfertigen würde, löst sich ihre Beziehung zu ihm nicht auf. Ein solches Verhältnis zwischen Gott und Menschen wird in der Bibel als Bundesverhältnis bezeichnet. Allah bleibt den Menschen, die mit ihm im Bundesverhältnis stehen, trotz ihrer möglichen Untreue treu. Ihre Beziehung zu Allah basiert nicht ausschließlich auf einer Beurteilung ihres Lebens anhand ihrer Taten, sondern auf ihrer gehorsamen Beziehung zum Stellvertreter Allahs in der zweiten Schöpfung (siehe Maide 5:111–115).
Kein anderer Gesandter Allahs sagt im Koran in einer Gerichtsszene: „Diese Menschen sind deine Diener.” Keiner von ihnen wagt zu behaupten: „Meine Nachfolger sind trotz begangener Fehler deine Diener.” Sie alle antworten auf Allahs Aufforderung zur Fürsprache: „Wir haben kein Wissen.” (Maide 5:109). Sie treten völlig zurück.
Jesus übernimmt damit eine Verantwortung, die weit über die bloße Selbstverteidigung (Sure 5, Verse 116–117) hinausgeht. Er spricht über diejenigen, die seiner Sendung anvertraut waren. Er tut Fürsprache.
Selbstverständlich kann er diese Verantwortung nur aufgrund von Allahs Wahl (Maide 5:109-110) übernehmen. Vermutlich hat Allah ihm dieses Wissen durch Offenbarung vermittelt, so wie er es damals mit Adam und den Namen aller Dinge getan hat. Wir müssen davon ausgehen, dass Jesus hier mit göttlicher Autorität spricht.
b) Weiter fällt auch das enge Zusammenspiel von Allah und Jesus auf: Allah sendet Jesus. Jesus ruft die Menschen zum Dienst Allahs. Jesus zeugt während seiner Sendung über sie. Nach seiner Erhöhung wacht Allah über dieselben Menschen. Beim Endgericht proklamiert Allah Jesus als seinen Stellvertreter in der zweiten Schöpfung. Allah wählt Jesus als Fürsprecher aus. Jesus tut Fürsprache. Allah eröffnet das Gerichtsurteil.
Diese Reihenfolge wirkt literarisch sehr bewusst komponiert.
In dieser Perspektive ist der Wechsel von Jesu Zeugenschaft zu Gottes Wächterschaft, dann zu Jesu Fürsprache und schließlich zu Allahs Gerichtsurteil kein Bruch, sondern die Vollendung einer gemeinsamen Heilsgeschichte. Gerade weil der Auftrag Jesu so eng mit den Absichten Allahs verbunden ist, kann Jesus in Vers 118 sagen: „Sie sind deine Diener”, nicht „meine Diener”. Da Jesus Allahs Stellvertreter in der zweiten Schöpfung ist, umfasst die Gruppe von Jesu Nachfolgern exakt dieselben Personen wie die Gruppe von Allahs Dienern. Die beiden Gruppen sind identisch.
Jesus erweist sich im Endgericht als vollkommener Stellvertreter Allahs, indem er keinerlei eigenständige Herrschaft neben Gott beansprucht. Seine Autorität besteht nicht darin, Gottes Urteil zu ersetzen, infrage zu stellen oder abzuschwächen, sondern darin, Gottes Willen vollkommen zu repräsentieren. Indem er auf das Verhältnis seiner Nachfolger zu Allah – „deine getreuen Diener” – und auf Allahs Charakter als mächtig und weise beziehungsweise gnädig und barmherzig hinweist, hat Jesus bereits Fürsprache nach Allahs Willen geleistet. Es ist ihre Beziehung zu Allah und Allahs Charakter, die Allahs Akzeptanz von Jesu Nachfolgern begründet.
Die Wirksamkeit von Jesu Fürsprache liegt nicht darin, dass sie Allahs Entschluss verändert, sondern darin, dass sie Allahs Heilsordnung vollständig offenlegt. Jesus, der von Allah eingesetzte Repräsentant, spricht den Willen Allahs so vollkommen aus, dass Allahs rettendes Urteil in voller Übereinstimmung mit diesem Zeugnis öffentlich offenbar werden kann.
Allah, der Mächtige und Weise
In diesem Zusammenhang gewinnt eine weitere Beobachtung an Bedeutung. Die Beschreibung Allahs als al-ʿAzīz al-Ḥakīm (der Mächtige, der Weise) wird im Koran mehr als 47 Mal in verschiedenen Kontexten verwendet.12 Unter anderem in Zusammenhängen wie:
Allahs Schöpfung und Ordnung der Welt.
Allahs Gesetzgebung.
Allahs Gericht.
Allahs Erwählung seiner Gesandten.
Allahs Heilshandeln gegenüber den Gläubigen.

Der gemeinsame Nenner ist, dass alle Erwähnungen in irgendeiner Weise mit Allahs Heilsplan in Verbindung stehen. Allahs Handeln ist sowohl souverän (ʿAzīz) als auch sinnvoll und zielgerichtet (Ḥakīm). Die Formel bedeutet also nicht nur „Allah ist stark”, sondern auch: Was Allah tut, kann niemand vereiteln und was Allah entscheidet, geschieht in vollkommener Weisheit.
Neben der Erwähnung im vorliegenden Vers (Maide 5:118) kommt ausgerechnet dieselbe Formel im Zusammenhang mit Jesu Auferstehung und Erhöhung zu Allah in Nisa 4:158 vor. Dort steht „al-ʿAzīz al-Ḥakīm” unmittelbar nach Allahs Handeln an Jesus: „Nein [im Gegenteil], Allah hat ihn [Jesus] zu sich (in den Himmel) erhoben. Allah ist mächtig und weise ...”
Allah erhöht Jesus zu sich – Allah ist der Mächtige und Weise.
In Māʾida 5,118–119 steht dieselbe Formel unmittelbar vor Gottes Handeln an den Wahrhaftigen, die, wie wir aufzeigen werden, Jesus treugeblieben sind.
Gott vergibt seinen Dienern bzw. erhöht die Wahrhaftigen ins Paradies – Gott ist der Mächtige und Weise.
Diese Entsprechung – ob geplant oder unbewusst – scheint etwas von Paulus' Adam-Christologie zu reflektieren (1. Korinther 15:20-24):
Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
Zunächst bestätigt die Macht und Weisheit Gottes die Erhöhung des von ihm eingesetzten Repräsentanten (Nisa 4,158).
Später bestätigen dieselben Attribute die Vollendung des Heils an denjenigen, die diesem Repräsentanten treu geblieben sind (Maide 5,118–119).
Aus dieser Perspektive sind die Erhöhung Jesu und die Annahme der Wahrhaftigen keine voneinander getrennten Themen, sondern zwei Ausprägungen desselben göttlichen Handelns. Allahs Macht (ʿizza) überwindet den Tod und führt zur Erhöhung, während Seine Weisheit (ḥikma) dieses Handeln in Seinen Heilsplan einordnet. Allahs Heilsplan umfasst nicht nur die Abberufung Jesu von der Erde (siehe Al-i Imran 3:54–55; Nisa 4:158), sondern auch die Aufnahme seiner Nachfolger im Paradies (Maide 5:118–120).
Aus Nisa 4:159 lernen wir, dass die Akzeptanz von Jesus als Messias Voraussetzung für die Aufnahme ins Paradies ist: „Unter den Schriftbesitzern gibt es keinen, der nicht vor seinem Tod an ihn [Jesus] glaubt und erkennt, daß er Gottes Gesandter [im Sinne von Messias (s. 4:157)] ist. Am Jüngsten Tag wird er als Zeuge erscheinen und die Wahrheit über sie aussagen“ (Azhar).
Aufgrund von Nisa 4:159 kann Jesus mit voller Zuversicht als von Allah eingesetzter Zeuge diese Wahrheit über seine Nachfolger aussprechen:
"Sie sind Deine Diener".
Es handelt sich dabei nicht lediglich um seine persönliche Hoffnung. Vielmehr ist es das Zeugnis desjenigen, der von Gott selbst mit dieser Sendung betraut war. Gerade deshalb unterscheidet sich seine Rede von der der übrigen Gesandten in Maide 5:109, die ihre Unwissenheit angesichts des göttlichen Gerichts erklären. Jesus hingegen gibt kein unabhängiges Urteil über das ewige Schicksal der Menschen ab, sondern legt als der von Gott bestätigte Gesandte Zeugnis über die Beziehung ab, die durch seine Sendung entstanden ist.
Vergleich mit Johannes 17
Ein Vergleich mit Johannes 17 zeigt erneut die große Ähnlichkeit von Gedankengang und Struktur. Wie bereits im vorletzten Blogbeitrag erwähnt, ähneln sich die beiden Texte literarisch, konzeptionell und vor allem strukturell. Hier genügt es, auf die Ähnlichkeit der Argumentation von Jesu Fürsprache für seine Nachfolger hinzuweisen:
Thema | Maide 5 | Johannes 17 |
Jesus verherrlicht Gott | vv. 116-117: Jesus zeigt absoluten Gehorsam bis zum Tod am Kreuz | v.1: auf dass der Sohn dich verherrliche; |
Jesus offenbart Gott | v. 117: Ich habe ihnen nur gesagt, was du mir befohlen hast: „Dienet Allah, meinem und eurem Herrn!› | v. 6: Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart |
Der Vater gibt | v. 111: Und (damals) als ich den Jüngern eingab: "Glaubt an mich und an meinen Gesandten!" | v. 6: Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. |
Das ewige Leben | v. 111: Und (damals) als ich den Jüngern eingab: "Glaubt an mich und an meinen Gesandten!" | v. 3: Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. |
Erfolgreiche Vollendung des Werkes Gottes | v. 117: göttlichen Auftrag vollstaendig erfüllt. | v. 4: Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. |
Jesus bewahrt. | v. 117: Und ich war Zeuge über sie, solange ich unter ihnen weilte. | v. 12: Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt. |
Gott bewahrt weiter. | v. 117: Nachdem du mich abberufen hattest, warst du es, der auf sie aufpaßte. Du bist über alles Zeuge. | v. 13+15: Nun aber komme ich zu dir … Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen. |
Die Menschen bleiben Eigentum Gottes. Und das ist der Grund für Jesu Fürsprache | v. 118: Wenn du sie bestrafst, so sind sie deine Diener. | v. 9: Ich bitte für sie. Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. |
Nahe Zusammenarbeit zwischen Jesus und Gott | Jesus zeugt über sie bis zur Abberufung, danach passt Allah auf sie auf. Jesus wird zum Kalifen Allahs und Fürsprecher berufen. | v. 10: Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht. |
Charakter Gottes | v. 118: Mächtig und weise | v. 2: Geber der Macht über Menschen, vv. 25-26: Gerechter Vater, Liebe |
Beide Fürbitten gründen auf derselben theologischen Grundidee:
- Beide Gebete beginnen mit Jesu vollkommenem Gehorsam (Johannes 17:4; Maide 5:117). Die Reihenfolge ist identisch, zuerst erfüllt Jesus seinen Auftrag vollkommen, danach spricht er über seine Nachfolger.
- Beide Gebete definieren die Nachfolger Jesu über ihre Beziehung zum Vater / Allah (Maide 5:118; Johannes 17:4, 6, 9, 10) und in beiden Gebeten ist diese Beziehung Ausgangspunkt der Fürbitte (Maide 5:118; Johannes 17:9).
- Beide betonen Jesu Bewahrung seiner Nachfolger während der Zeit seines irdischen Dienstes (Johannes 17:12; Maide 5:117).
- Beide weisen auf Gottes fortdauernde Bewahrung nach Jesu Abberufung hin (Maide 5:117; Johannes 17:13+15). In beiden Fällen findet die Übergabe an Gott statt, und er trägt danach die volle Verantwortung.
- In beiden Fällen wird die enge Verknüpfung in der Zusammenarbeit von Jesus und Gott deutlich.- Beide Fürbitten gründen nicht auf den Verdiensten der Jünger sondern die Annahme von Jesu Wort und die bleibende Zugehörigkeit zu Allah sind ausschlaggebend (Maide 5:117-118; Johannes 17:6, 9).
- In beiden Gebeten wird auf Allahs Charakter als Grundlage für die Aufnahme ins Paradies verwiesen (Maide 5:118; Johannes 17:2, 25-26).
- Beide Texte verbinden Wahrheit und Heil (Johannes 17:8, 19; Maide 5:119). Wahrheit wird in beiden Texten zum entscheidenden Kriterium für die Erlangung des Heils.
- Beide Gebete zielen auf dieselbe Vollendung ab: die zukünftige Gemeinschaft mit Gott (Johannes 17:24; Maide 5:119).
Und trotzdem unterscheiden sich die beiden Fürbitten in einem entscheidenden Punkt. Die Fürsprache Jesu in Johannes 17 wird in ausdrücklichen Bitten formuliert: „Bewahre sie”, „heilige sie”, „mache sie eins”, „ich will, dass, wo ich bin, auch sie bei mir seien”. In Maide 5:118 formuliert Jesus viel zurückhaltender und verwendet keine Imperative. Er sagt lediglich: „Sie sind deine Diener” und „Du bist der Mächtige und Weise”. Die koranische Formulierung beschränkt sich auf die offenbarende Darlegung des heilsgeschichtlichen Sachverhalts.
Dieses Vorgehen entspricht der Interpretation von Hebräer 7:25 einiger Kirchenväter: Für sie ist die Fürsprache Christi wirksam, weil sie Ausdruck des Heilswillens Gottes selbst ist und nicht, weil sie einen anderen Willen neben dem des Vaters einführt. Der priesterliche Dienst des Sohnes ist die ewige Fortsetzung des Gehorsams, durch den er seine Mission auf Erden erfüllt hat.
Trotz diesem Unterschied wird deutlich, dass die Argumentation der Fürsprache in beiden Gebeten dieselbe Richtung hat: Sie gründet sich nicht auf die Verdienste der Nachfolger:innen, sondern auf das Handeln Gottes durch Jesus. Weder im Johannesevangelium noch in Māʾida 5 beruft sich Jesus auf menschliche Leistung. Er beruft sich stattdessen auf den vollendeten Auftrag, den der Vater ihm gegeben hat: die unverfälschte Offenbarung Gottes den Menschen zu überbringen und ihm bis zum Tod am Kreuz absolut gehorsam zu sein. Jesus betont die dadurch entstandene Beziehung der Nachfolger zu Gott.
Gerade darin liegt die eigentliche Kraft seiner Fürsprache. Sie ist keine Bitte gegen Gottes Willen, sondern die vollkommene Artikulation von Gottes eigenem Heilswillen, der letztlich auf seinem Charakter gründet. Jesus spricht aus einer vollkommenen, ungetrübten Beziehung zu Gott heraus. Sein einzigartiger Status als Sohn (im Johannesevangelium) beziehungsweise als Stellvertreter Allahs (im Koran) gibt ihm die Autorität dafür.
Schlussfolgerung:
Bei oberflächlichem Lesen mag die Aussage Jesu in Maide 5:118 wie eine unbeteiligte, neutrale Aussage über seine Nachfolger klingen. Die Neutralität liegt allerdings in der Grammatik, nicht in der Funktion.
Vielmehr scheint die Funktion der Aussage zu sein, den heilsgeschichtlichen Status dieser Menschen vor Gott auszusprechen. Jesus sagt gewissermaßen: Diese Menschen gehören zu dem Werk, das du mir aufgetragen hast.
Jesu Worte in Māʾida 5,118 sind somit nicht neutral im Sinne einer bloßen Enthaltung. Sie stellen vielmehr die heilsgeschichtlichen Tatsachen zusammen, auf denen Allahs rettendes Urteil beruht. Jesus hat den göttlichen Auftrag vollkommen erfüllt. Er hat die Menschen zum Dienst Allahs gerufen, sie als Allahs Diener bezeichnet und ihre Geschichte vollständig unter Allahs souveräne Aufsicht gestellt. Indem Jesus ausschließlich diese Tatsachen nennt, erinnert er nicht an die Verdienste der Menschen, sondern an das Handeln Allahs an ihnen. Seine Rede besitzt daher den Charakter einer indirekten, aber höchst wirksamen Fürsprache.
Jesu Autorität besteht nicht darin, Gottes Urteil zu ersetzen, sondern darin, vor Gottes eigenem Gericht öffentlich zu bezeugen, dass die Menschen, die seinem göttlichen Auftrag gefolgt sind, trotz ihrer Sündhaftigkeit weiterhin als Gottes Diener anzusprechen sind. Das endgültige Urteil bleibt Gott vorbehalten, doch Jesu Zeugnis schafft den theologischen Rahmen, in dem die Annahme der Wahrhaftigen in Maide 5,119 als konsequente Vollendung der zuvor geschilderten Heilsgeschichte erscheint.
Auf die Frage, ob Jesus Fürsprache tut, antworten wir aufgrund unserer Analyse von Maide 5:118 mit einem deutlichen „Ja”: Maide 5:118 beinhaltet Jesu Fürsprache für seine Nachfolger.
Über Allahs Schlussverdikt, die Annahme der Wahrhaftigen (Maide 5:119), wollen wir uns im nächsten Beitrag mehr Gedanken machen.
1 Sayyid Qutb, In the Shade of the Quran, s. 1343.
2 Sayyid Qutb, In the Shade of the Quran, s. 1343.
3 Er-Razi, Tefsir-I Kebir, Vol. 9 s. 296.
4 „Allah vergibt nicht, daß man ihm (andere Götter) beigesellt. Was darunter liegt, vergibt er, wem er (es vergeben) will. Wenn einer (dem einen) Allah (andere Götter) beigesellt, hat er (damit) eine gewaltige Sünde ausgeheckt.”
5 Es gibt Ausleger, die Jesu Worte folgendermassen rechtfertigen: „Nach unserem Glaubensbekenntnis ist es Allah, dem Erhabenen, gestattet, die Ungläubigen ins Paradies und die Asketen und Frommen in die Hölle zu führen. Denn die Herrschaft gehört Ihm; niemand kann Ihm widersprechen. Aus diesem Grund hat der Prophet Jesus diese Worte gesprochen. Damit bezweckt er, alle Angelegenheiten Allah zu überlassen; Übergriffigkeit, Überschreitung von Grenzen und Widerspruch gänzlich aufzugeben.
Aus diesem Grund beendete er seine Rede mit den Worten: „Der absolut Siegreiche, der Einzige, der über Herrschaft und Weisheit verfügt, bist wahrlich Du.“ Diese Worte bedeuten: „Du bist fähig, zu tun, was du willst, und in allem, was du tust, bist du weise. Niemand kann dir widersprechen. Wie könnte ich es wagen, mich in deine uneingeschränkte Herrschaft einzumischen!“” (siehe Er-Razi, Tefsir-I Kebir, Vol. 9 s. 297).
6 „Abdallāh ibn Masʿūd (gest. 652 / 32 AH) war einer der wichtigsten Gefaehrten des Propheten Mohammed ... Er ist ein wichtiger Überlieferer von Hadithen und spielt eine wichtige Rolle bei der Überlieferung des Korantexts.” (Seite „ʿAbdallāh ibn Masʿūd“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Juli 2025, 11:25 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=%CA%BFAbdall%C4%81h_ibn_Mas%CA%BF%C5%ABd&oldid=258021939 (Abgerufen: 27. Juli 2026, 09:53 UTC)).
7 „Vahidi (r.h.), Abdullah İbn Mesud (r.a.)'un mushafında, bu cümlenin 'Eğer onları bağışlarsan, muhakkak ki sen, gafur ve rahimsin' şeklinde olduğunu rivayet etmiştir” (Fahreddin Er Razi, Tefsir-i Kebir, Cilt 9, s. 297 in https://archive.org/details/tefsir-fahreddin-er-razi-17.-cilt/Tefsir-Fahreddin-Er-Razi-09.Cilt_/page/n297/mode/1up (besucht: 03/01/2025)).Siehe auch https://corpuscoranicum.de/de/verse-navigator/sura/5/verse/118/variants (besucht 27/07/2026).
8 „Diğer bir kısım alim de: 'Eğer Hz. İsa (a.s.), 'Sen gafur ve rahimsin' demiş olsaydı, bu 'Hz. İsa'nın onlara şefaatçi olabileceğini ihsas ettirirdi. Ama o böyle demeyip, 'mutlak galip (aziz), yegane hüküm ve hikmet sahibi (hakim) olan da, hakikaten sensin sen ...' deyince, bu söz, Hz. İsa'nın maksadının, her şeyi Allah'a havale edip, bu konulara hiçbir bakımdan değinmeme olduğuna delalet eder” (Fahreddin Er Razi, Tefsir-i Kebir, Cilt 9, s. 298 in https://archive.org/details/tefsir-fahreddin-er-razi-17.-cilt/Tefsir-Fahreddin-Er-Razi-09.Cilt_/page/n297/mode/1up (besucht: 03/01/2025)).
9 Müsned, 5/149; zitiert in https://sorularlaislamiyet.com/hz-peygamberin-bir-ayeti-cokca-okuyarak-namaz-kildigi-dogru-mu, (besucht, 15/04/2025)).
10 „Die Gelehrten haben dem Namen „Rakīb“ im Allgemeinen die Bedeutung „der Bewahrende und Wachsame“ (Hafîz) zugeschrieben. Nichts entzieht sich dessen Geltungsbereich, folglich bleibt nichts vor Allah verborgen. Da es undenkbar ist, dass Er auch nur einen Augenblick lang unaufmerksam wäre, kann es hinsichtlich der Entstehung, des Fortbestehens oder des Untergangs eines Geschöpfes, das unter Seiner Aufsicht und Kontrolle steht, zu keinerlei Störung kommen. Allah kennt alle Zustände Seiner Diener und zählt ihre Atemzüge (Kuşeyrî, S. 63). Die Gelehrten weisen darauf hin, dass der umfassende Begriff des Namens „Rakīb“ Elemente des vollständigen Wissens, des Sehens oder Hörens dessen, was je nach Art Gegenstand der Erkenntnis ist, sowie des Bewachens und Beschützens beinhaltet. …Die Manifestation des Namens „Rakīb“ im Diener besteht darin, dass er sich bewusst ist, dass all sein Handeln ständig von Allah beobachtet wird. Ein Diener, der diesen Weg beschreitet, achtet darauf, nicht vom rechten Weg abzuweichen ....” (BEKİR TOPALOĞLU, "RAKĪB", TDV İslâm Ansiklopedisi, https://islamansiklopedisi.org.tr/rakib (29.07.2026)).
11 Fahreddin Er Razi, Tefsir-i Kebir, Cilt 9, s. 298 in https://archive.org/details/tefsir-fahreddin-er-razi-17.-cilt/Tefsir-Fahreddin-Er-Razi-09.Cilt_/page/n298/mode/1up (besucht: 28/07/2026).
12 Siehe Hiba Family Resource Centre, Eintrag Al-Azeez-ul-Hakeem in https://hibamagazine.com/al-azeez-ul-hakeem/ (besucht 28/07/2026).
„Allah is described as al-‘Azīzu al-Ḥakīm (The Almighty, the All-Wise) 47 times throughout the Noble Quran.
Key surahs containing this description are:
Surah Al-Baqarah: Verses 209, 220, 228, 240, and 260.
Surah Al-'Imran: Verses 6, 18, 62, and 126.
Surah An-Nisa: Verses 56, 158, and 165.
Surah Al-Ma'idah: Verses 118.
Surah Ibrahim: Verse 4.
Surah Al-Hashr: Verse 23.”

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