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Exkurs: Jesu Gehorsam gegenüber Gott

  • kesfetmekursu
  • vor 1 Tag
  • 15 Min. Lesezeit

In unserem letzten Blogbeitrag haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt, was Allah dazu motivieren könnte, Jesus beim Jüngsten Gericht die kritische Frage zu stellen: „Hast du (etwa) zu den Leuten gesagt: ‚Nehmt euch außer Allah mich und meine Mutter zu Göttern‘?“ (Maide 5:116).

Blutverschmierter Mann kniet betend im Mondschein im Olivenhain; drei Männer schlafen im Hintergrund.
Jesus betet im Garten Gethsemane (by chatgpt.com)

Wir stellten fest, dass die gängige muslimische Auslegung, wonach Allah die trinitarischen Entwicklungen der Christen kritisieren möchte, dem Kontext und dem Gesamtzeugnis des Korans nicht gerecht wird. Als Alternative haben wir vorgeschlagen, dass Allahs Frage vom Vergleich Jesu mit Adam (siehe Maide 5:109–115) motiviert sein könnte. Hat sich Jesus, trotz aller von Allah geschenkten Privilegien, genauso wie Adam gegen Allah aufgelehnt und sich selbst als Gott neben Gott gestellt?


Wenn man die Frage so betrachtet, gewinnt sie eine enorme Bedeutung für die ganze Menschheit:

a) Allahs spezielle Wahl der Menschheit als seine Repräsentanten auf der Erde über allen anderen Geschöpfen steht auf dem Spiel.

b) Jesu Eignung zur Ausübung des Stellvertreteramtes Allahs in der zweiten Schöpfung hängt von seiner Antwort ab.

c) Mit dieser Frage wird geklärt, ob der Zeitpunkt für die Rückkehr einer durch und durch aufständischen Menschheit zu Allah gekommen ist.


Jesu Antwort wird daher mit grosser Spannung erwartet, ist dann aber glücklicherweise sehr beruhigend: "Gepriesen seist Du. Nie könnte ich das sagen, wozu ich kein Recht hatte’ (Maide 5:116; M.A. Rasoul). Jesu Antwort lässt keinen Zweifel zu: Er hat sich nicht wie Adam dazu verleiten lassen, sich höher einzustufen, als ihm von Gott zusteht. Er hat sich nicht wie Adam aufrührerisch gegen Allah erhoben. Ganz bestimmt hat er sich und seine Mutter nie als Götter neben Allah bekannt gemacht. Im Gegenteil, Jesus antwortet vergewissernd: ‘Nichts anderes sagte ich zu ihnen, als das, was Du mich geheißen hattest. "Dienet Allah, meinem und eurem Herrn!"’ (Maide 5:117; M.A. Rasoul).

Damit werden alle aufgeführten Punkte a) bis c) im positiven Sinne erfüllt.

a) Allahs Wahl des Menschen hat sich als erfolgreich erwiesen. Jesus war im Gegensatz zu Adam nicht rebellisch, sondern gehorsam.

b) Jesus eignet sich daher als Stellvertreter Allahs. Er muss nicht wie Adam in die Gottferne verbannt werden.

c) Jesus war nicht nur selbst gehorsam, sondern hat auch seine Nachfolger zu einem gehorsamen Dienst für Allah angehalten. Der Zeitpunkt für die Rückkehr einer Allah gehorsam gewordenen Menschheit ist gekommen.


1. Jesus sagt nicht, wozu er kein Recht hat

Razi beobachtet, dass Jesus in seiner Antwort auf Allahs Frage nicht mit „Ja, habe ich gesagt” oder „Nein, habe ich nicht gesagt” antwortet, sondern ausweichend mit ‘... Es ziemt sich nicht, daß ich etwas sage, was ich nicht sagen darf ...’ (Maide 5:116; Azhar). Razı führt dies auf Jesu gehorsame Demut zurück.1 Er versteht Jesu Antwort im Lichte der gängigen muslimischen Auslegung, dass Allah die fehlgeleiteten Christen bezüglich ihrer trinitarischen Ansichten korrigiert. Deshalb interpretiert er Jesu gehorsame Demut folgendermaßen: Jesus will sich nicht selbst rechtfertigen, im Sinne von: „Nein, habe ich nie gesagt; was meine Nachfolger sich ausgedacht haben, ist vollständig auf ihrem eigenen Mist gewachsen. Dafür sind sie voll und ganz selber verantwortlich.“

Razi glaubt, dass Jesus dieses Urteil vielmehr demütig Allah selbst überlässt.


Im Lichte unserer alternativen Auslegung gewinnt Jesu Aussage, ‘es ziehmt sich nicht, dass ich etwas sage, was ich nicht sagen darf’ eine ganz andere, neue Bedeutung. Es geht hier nicht primär um Demut, sondern um absoluten Gehorsam.

In Philipper 2:6-11 schreibt Paulus über Jesus Folgendes: Obwohl er in Gottesgestalt existierte, lag es ihm völlig fern zu versuchen, Gott gleich zu sein. Nein, er gab vielmehr alles auf, was er hatte, nahm Sklavengestalt an und wurde Mensch. Mehr noch: Als er als Mensch kam, demütigte er sich und wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod an einem Marterpfahl. Gerade aus diesem Grund hat Gott ihn in eine übergeordnete Stellung erhöht und ihm gütigerweise den Namen gegeben, der über jedem anderen Namen ist, damit jeder – ob im Himmel, auf der Erde oder unter dem Erdboden – seine Knie im Namen Jesu beugt und jeder offen anerkennt, dass Jesus Christus Herr ist zur Verherrlichung Gottes, des Vaters’ (Philipper 2:6-11; Neue Welt Übersetzung2). Dunn weist auf die Parallelen zwischen Adam und Jesus hin, die in Philipper 2:6-11 angedeutet werden.3 Während Adam, der im Bilde Gottes geschaffen worden war, im Paradies danach strebte, ein Gott neben Gott zu werden, indem er von der verbotenen Frucht aß (er wollte Gott gleich sein, v. 6), wählt Jesus, der ebenso wie Adam im Gottesbild erschaffen wurde, den entgegengesetzten Weg: Er gibt seine Gottesgestalt auf und nimmt Sklavengestalt an. Adam wählt bewusst das zu tun, wozu er auf Grund des Verbots Gottes kein Recht hat, und wird dafür mit dem Verlust seiner Aufgabe als Stellvertreter Gottes und dem Abstieg auf die Erde bestraft. Jesus verzichtet bewusst darauf, sich nach dem auszustrecken, wozu er kein Recht hat, nämlich sich Gott gleichzustellen – es lag „ihm völlig fern, zu versuchen, Gott gleich zu sein”. Vielmehr akzeptiert er freiwillig Adams gefallenen Zustand – „er gab alles auf, was er hatte, nahm Sklavengestalt an und wurde Mensch“ – und ist Gott in allem gehorsam, sogar bis zum Tod am Kreuz. Weil Jesus seine Gottesgestalt (geschaffen durch Einblasung des Heiligen Geistes) aufgibt und den gefallenen Zustand Adams (Sklavengestalt) für sich selbst freiwillig akzeptiert, „super-erhöht” ihn Gott in die höchstmögliche Stellung. Er wird auserwählt zum Stellvertreter Gottes, dem alle anderen Geschöpfe Ehre und Gehorsam erweisen müssen.


Im Lichte von Philipper 2:6-11 gewinnen Jesu Worte „Nie könnte ich das sagen, wozu ich kein Recht hatte“ (Maide 5:116; M.A. Rasoul) eine neue Bedeutung. Weil Jesus im Gegensatz zu Adam bewusst darauf verzichtete sich Gott gleichzusetzen, hat er nie etwas gesagt oder getan, wozu er als Mensch kein Recht hatte. Weil er nie den Wunsch hegte, ein Gott neben Gott zu werden, hat er den Menschen auch nie eine solche Botschaft vermittelt, weder durch Taten noch durch Worte. Im Gegenteil: Im Gegensatz zu Adam zeugt Jesu ganze Existenz von seiner Wahl des Weges des absoluten Gehorsams gegenüber Gott. Mit der Aussage „Nie könnte ich das sagen, wozu ich kein Recht hatte“ (Maide 5:116; M.A. Rasoul), bekräftigt Jesus seinen unerschütterlichen, absoluten Gehorsam gegenüber Gott. Im Gegensatz zu Adam ist er Gott in allem gehorsam geblieben.


Wir halten also fest, bei Jesu Antwort handelt es sich nicht um eine Korrektur der trinitarischen Ansichten seiner späteren Nachfolger, sondern vielmehr um eine Bekräftigung seines ungebrochenen Gehorsams in allen Situationen seines Lebens.


2. Jesu Gehorsam gegenüber Gott im Evangelium

Nachdem wir verstanden haben weshalb Allah die kritische Frage in Maide 5:116 stellt, und was Jesu Antwort bedeutet, ist es hilfreich einen kurzen Einschub zum Thema „Gehorsam Jesu” aus christlicher Sicht zu machen.

Im Bericht über das Leben Jesu im Evangelium gibt es drei herausragende Momente, in denen sich die Frage des Gehorsams Jesu gegenüber Gott besonders stellt:


a) Gehorsam der Maria:

Der erste Fall betrifft Maria, noch bevor Jesus geboren wurde. Als der Engel Gabriel ihr ankündigte, sie werde einen Sohn gebären, war sie ledig und Jungfrau. Berechtigterweise fragt Maria zurück: „… Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?” (Lk. 1:34). Der Engel antwortete, dass es sich bei der Empfängnis um ein übernatürliches Eingreifen Gottes handele: „… Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten” (Lk.1:35); Nach dieser geheimnisvollen Erklärung entschloss sich Maria – im Gegensatz zu Zacharias in einer ähnlichen Situation (siehe Lk 1,18–20) – Gott uneingeschränkt gehorsam zu sein: „Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr“ (Lk.1:36).

Maria stellt sich nicht Gott gleich, indem sie glaubt, besser zu wissen, was für ihr Leben richtig ist, und Gott deshalb ungehorsam wird, sondern sie fügt sich gehorsam in Gottes geheimnisvollen Plan. Die Kirche erkannte später im Gehorsam der Maria die Grundlage dafür, dass sich Gottes Plan mit Jesus erfüllen konnte.4


Auch im Koran wird Marias gehorsame Unterordnung unter Allahs Willen mehrfach erwähnt: In Al-i Imran 3:43 wird sie zum Gehorsam aufgefordert: „Maria! Ergib dich deinem Herrn, wirf dich nieder und knie dich hin mit den Betenden!" (Azhar). Durch die Einübung von Gehorsam blieb Maria keusch und war daher die geeignete Person für Allahs Plan (Enbiya 21:91): „Und (weiter Maria) die sich keusch hielt. Da bliesen wir ihr Geist von uns ein und machten sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Menschen in aller Welt (al-`aalamuun).”Am deutlichsten wird Marias Gehorsam in Tahrim 66:21 hervorgehoben: „Und (ein weiteres Beispiel für die Gläubigen hat Allah aufgestellt) in Maria (Maryam), der Tochter `Imraans, die sich keusch hielt, worauf wir ihr Geist von uns einbliesen. Und sie glaubte an die Worte ihres Herrn und an seine Schriften und gehörte zu denen, die (Allah) demütig ergeben sind.


b) Versuchung Jesu durch Satan in der Einöde:

Jetzt kommen wir zu Jesus. Gleich zu Beginn seines Dienstes, nach seiner Bevollmächtigung mit dem Geist Gottes, wird Jesu Gehorsam getestet. Nach einer 40-tägigen Fastenzeit in der Einöde wurde Jesus in drei Bereichen herausgefordert. Die Parallelen zu den Versuchungen Satans an Adam, wie sie im Koran dargestellt werden, sind unübersehbar. Satan versucht Jesus in Bezug auf Nahrung, engelhafte Langlebigkeit durch ein spezielles Eingreifen Gottes und die Aspiration auf ein eigenes Herrschaftsgebiet (siehe Bakara 2:35–36, Araf 7:20 und TaHa 20:120 für Adam; Mt 4:1–11 und Lk 4:1–13 für Jesus). Im absoluten Gegensatz zu Adam fällt Jesus nicht auf die Versuchungen Satans herein. Er bleibt Gott vollkommen gehorsam. Satan muss unverrichteter Dinge abziehen: „Nachdem der Teufel alles versucht hatte, um Jesus zur Sünde zu verleiten, verließ er ihn für einige Zeit” (Lk.4:13; Hoffnung für Alle). Auch im Koran erweist sich Jesus in allen Versuchungen Satans als „einer von den Rechtschaffenen (as-saalihiena)” (Al-i Imran 3:46), und „Er wird im Diesseits und im Jenseits angesehen (wadschieh) sein, einer von denen, die (Allah) nahestehen” (Al-i Imran 3:45).


c) Gehorsam Jesu bis zum Tod am Kreuz:

Neben weiteren Versuchungen Satans während seines Dienstes kommt das Thema der Anfechtung von Jesu Gehorsam im Zusammenhang mit dem Kreuzesgeschehen im Evangelium nochmals besonders in den Fokus. Jesus erklärt seinen Jüngern dreimal seine von Gott vorherbestimmte Mission, nämlich dass er in Jerusalem leiden muss. Damit betont er, dass sein Tod kein Zufall ist, sondern eine göttliche Notwendigkeit, um den Heilsplan zu erfüllen (erste Vorhersage: Mt. 16:21, Mk. 8:31, Lk. 9:22; zweite Vorhersage: Mt. 17:22–23, Mk. 9:31, Lk. 9:43–45; dritte Vorhersage: Mt. 20:17–19, Mk. 10:32–34, Lk. 18:31–34 ; und Johannes: 12:7-8 und 32–33). In einem überirdischen Treffen mit Mose und Elias spricht Jesus mit den beiden großen Propheten „von seinem [Jesu] Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte“ (Lk.9:31). Sie sprechen also über Jesu Tod am Kreuz, seine Auferstehung am dritten Tag und seine Rückkehr in den Himmel 40 Tage nach seiner Auferstehung, wie wir später im Evangelium erfahren. Es ist Gottes Plan, Jesus den Kreuzestod sterben zu lassen. Damit wird der Gehorsam Jesu getestet: Ist er zu diesem Tod bereit oder wird er ihm entfliehen?

Am Abend vor seiner Kreuzigung zieht sich Jesus in einen Garten zurück, um dort mit Gott um seine Entscheidung zu ringen, ob er gehorsam sein wird oder nicht (Mt. 26:36-39): „Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete. Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!” Mit dem „Kelch” ist der Tod Jesu am Kreuz gemeint. Jesus ringt mit Gott, seinem Vater, um Gehorsam, selbst angesichts des bevorstehenden Todes am Kreuz.

Sein innerer Kampf wurde so stark, dass sein Schweiß wie Blut auf die Erde tropfte: „Der Kampf wurde so heftig, und Jesus betete mit solcher Anspannung, dass sein Schweiß wie Blut auf die Erde tropfte” (Lk.22:44). Der Kampf war noch nicht ausgefochten, ein zweites und drittes Mal betet Jesus in ähnlicher Weise zu Gott (Mt. 26:40-44): „Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf. Und er ließ sie und ging wieder hin und betete zum dritten Mal und redete abermals dieselben Worte. Nach der dritten Gebetszeit hat sich Jesus schließlich zum uneingeschränkten Gehorsam gegenüber Gott durchgerungen (Mt. 26:45-46): „Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn [d.h. Jesus] in die Hände der Sünder überantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät.“  Jesus geht nun mutig seinen Feinden entgegen und überliefert sich in ihre Hände. Der innere Kampf ist ausgefochten, Jesus ist bereit zu sterben. Mit dem Tod am Kreuz zeigt er seinen größten Gehorsam gegenüber Gott. Der Kreuzestod kostete ihn die größte Überwindung, Gott gehorsam zu sein.


  1. Auswirkungen von Jesu Gehorsam gegenüber Gott

a) Jesu Gehorsam dient allen Menschen

Frühe Theologen sahen einen Zusammenhang zwischen Jesu Gehorsamsentscheidung im Garten Gethsemane und Adams Ungehorsamsentscheidung im Garten Eden. Beide Entscheidungen wurden in einem Garten gefällt.

Paulus bezieht sich auf die Entscheidungen von Adam und Jesus und erklärt ihre Auswirkungen auf die Menschheit (Römer 5:18-19): „Wie nun durch die Sünde [durch Essen der Frucht vom Baum des Wissens] des Einen [d.h. Adam] die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit [u.a. errungen im Garten Gethsemane und am Kreuz] des Einen [d.h. Christus] für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam [beim Baum des Wissens] des einen Menschen [d.h. Adam] die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam [am Kreuz] des Einen [d.h. Christus] die Vielen zu Gerechten.›5


Selbstverständlich schließt Paulus bei dem durch Christus gezeigten Gehorsam mehr als nur den Gehorsam am Kreuz ein. Durch sein ganzes Leben, von der Kindheit bis zum Tod, war Christus Gott gegenüber vollkommen gehorsam. Aber am Kreuz wird dieser Gehorsam im höchsten Ausmaß einzigartig deutlich.

Und Jesu absoluter Gehorsam bis zum Tod am Kreuz hat wunderbare Auswirkungen auf die ganze Menschheit. Für alle Menschen, die Jesus als Stellvertreter Gottes in der zweiten Schöpfung akzeptieren, ist „die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt”, das heißt, durch den Gehorsam Jesu werden auch all seine Nachfolger zu Gerechten. Oder wie Paulus an anderer Stelle ausführt (1. Korinther 15:21-23): „Denn da durch einen Menschen [Adam] der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen [Jesus] die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird [beim Jüngsten Gericht] ...”. Jesu absoluter Gehorsam resultiert in seiner Erhöhung zur Position des Stellvertreters Gottes (Philipper 2:6-11) und führt zur Rückführung seiner Nachfolger zu Gott, in der Auferstehung: „so wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden” So wie Adams Ungehorsam alle Menschen betraf – in den Worten des Korans musste die gesamte Menschheit aus der Gegenwart Gottes auf die Erde hinabsteigen –, so hat auch der Gehorsam Jesu Auswirkungen auf alle Menschen: Zusammen mit Christus können sie als Gerechte zu Gott zurückkehren.


b) Schicksal der Menschen entscheidet sich an zwei Bäumen

Spätere Theologen haben aufgrund von Paulus' Vergleich von Jesus mit Adam hervorgehoben, dass sich der Gehorsam der Menschen gegenüber Gott an zwei Bäumen entscheidet: Adam entschied sich im Paradies, am Baum des Wissens ungehorsam zu sein, und brachte damit Verdammnis, Sünde und Tod über alle Menschen. Jesus entschied sich, am Kreuzesbaum Gott gehorsam zu sein, und brachte damit für alle Menschen „… Rechtfertigung ..., die zum Leben führt”.

Irenäus führt in diesem Sinne aus: „Und die Übertretung, die durch den Baum [im Paradies] zustande kam, wurde durch den Baum des Gehorsams rückgängig gemacht, als der Menschensohn [d.h. Jesus], auf Gott hörend, an den Baum genagelt wurde; dadurch wurde die Erkenntnis des Bösen beseitigt und die Erkenntnis des Guten eingeführt und gefestigt: Nun ist es böse, Gott ungehorsam zu sein, so wie es gut ist, auf Gott zu hören. Und aus diesem Grund sprach das Wort durch den Propheten Jesaja: ... Ich weigere mich nicht und widerspreche nicht; ich gab meinen Rücken der Geißelung hin und meine Wangen den Schlägen; und mein Gesicht wandte ich nicht ab vor der Schande des Spuckens. So hat Er nun durch den Gehorsam, mit dem Er bis zum Tod gehorchte, als Er am Holz hing, den alten Ungehorsam beseitigt, der am Holz gewirkt wurde.“6


Ikonische Darstellung von Adam und Eva neben Maria mit Kind, vor grünem Baum und rotem Rand; goldene Heiligenscheine, oben Schrift.
Adam und Eva mit Jesus und Maria (chatgpt.com)

c) Erwähnung von Maria in Maide 5:116

Die frühe Kirche entdeckte nicht nur Parallelen zwischen Jesus und Adam, sondern auch zwischen Maria und Eva. Die ersten Kirchenväter brachten Maria mit Eva in dieselbe Verbindung, in der nach dem Evangelium Jesus zu Adam steht. Maria, die Jungfrau, wird als gehorsam befunden, indem sie sagt: „„Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.“ Lk. 1:38. Eva aber war ungehorsam; denn sie gehorchte nicht, als sie noch Jungfrau war. Denn sie gehorchte nicht, als sie noch jungfräulich war, obwohl sie mit Adam verheiratet war (denn im Paradies waren sie beide nackt und schämten sich nicht, Gen. 2:25 denn sie waren erst vor kurzer Zeit erschaffen worden und hatten noch keine Ahnung von der Zeugung von Kindern: Denn es war notwendig, dass sie erst erwachsen wurden und sich von da an vermehrten), wurde durch ihren Ungehorsam zur Ursache des Todes, sowohl für sie selbst als auch für das ganze Menschengeschlecht; so wurde auch Maria, die mit einem Mann verlobt und dennoch Jungfrau war, durch ihren Gehorsam zur Ursache des Heils, sowohl für sich selbst als auch für das ganze Menschengeschlecht. ...Und so wurde auch der Knoten des Ungehorsams Evas durch den Gehorsam Marias gelöst. Denn was die Jungfrau Eva durch den Unglauben gebunden hatte, das löste die Jungfrau Maria durch den Glauben.”7


Die Folgerung daraus ist: Wir müssen nicht nach obskuren Sekten suchen, die Maria als Göttin verehrt haben sollen, um zu erklären, weshalb in Allahs Frage sowohl Jesus als auch Maria vorkommen: "... Jesus, Sohn der Maria! Hast du (etwa) zu den Leuten gesagt: ""Nehmt euch außer Allah mich und meine Mutter zu Göttern""? ..." (Maide 5:116). Die Begeisterung für die ästhetische Symmetrie zwischen dem Schöpfungsbericht mit Adam und Eva und der Rettungstat von Jesus und Maria in der frühen Kirche erklärt wohl die Erwähnung von Maria in Maide 5:116: Weder Jesus noch Maria haben sich ungehorsam gegenüber Allah aufgelehnt. Beide waren Allah in totalem Gehorsam untergeben. So wie die Rückkehr der Menschheit zu Allah ganz an den Gehorsam des letzten Adams, Jesus, geknüpft ist, so spielt auch Marias Gehorsam eine entscheidende Rolle: „und so wurde auch der Knoten des Ungehorsams Evas [d.h. ihrem Wunsch gott neben Gott zu werden] durch den Gehorsam Marias gelöst.” Durch Marias Gehorsam wurde der Erlöser geboren und sie wurde zur geistlichen Mutter der Gläubigen. Weil sowohl Jesus als auch Maria Allah gegenüber gehorsam waren, gaben sie mit ihrem Tun und Sein keinen Anlass zu der Schlussfolgerung, sie hätten sich wie Adam und Eva danach ausgestreckt, Götter neben Allah zu werden. Der gehorsame Jesus hatte daher keinen Anlass und kein Recht, die von Allah erfragte Äußerung zu machen, und er hat sie auch nicht gemacht.


Im nächsten Blogbeitrag werden wir der Frage nachgehen, ob dieser christliche Hintergrund dabei hilft, Allahs Frage und Jesu Antwort besser in den Kontext von Maide 5:109–120 zu integrieren als dies bei der gängigen muslimischen Auslegung der Fall ist. Einen positiven Punkt haben wir soeben hervorgehoben: Falls Allah mit der Frage auf das Thema Gehorsam (nicht Trinität) abzielt, lässt sich die Erwähnung von Maria neben Jesus im Rahmen des Denkens der frühen Kirche leicht erklären. Ebenso wie Jesus absolut gehorsam war, hat auch Marias Gehorsam zur Errettung der Menschheit beigetragen.



1 „Wisse, dass, als Allah den Propheten Jesus fragte: „Hast du das gesagt?“, der Prophet Jesus nicht mit „Ja“ oder „Nein“ antwortete, sondern vielmehr sagte: „Es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, wozu ich kein Recht habe.“ … Als Allah, der Erhabene, erklärte, dass Jesus diese Worte nicht gesprochen habe, begann er damit, die Frage zu klären, ob diese Worte von ihm stammten oder nicht. Jesus antwortete nicht mit den Worten: „Ich habe das nicht gesagt, ich habe es nicht ausgesprochen…“, denn eine solche Aussage hätte bedeutet, sich selbst zu rechtfertigen und zu entlasten. Dabei ist dies der Ort der Demut und Bescheidenheit. Auch hat Jesus nicht geantwortet: „Ich habe es gesagt...“, sondern er hat dies vielmehr dem allumfassenden Wissen Gottes überlassen." (Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version), Fahrudin Razı, Tefsir-I Kebir, Vol. 9, s. 293, in https://archive.org/details/elmalili-muhammed-hamdi-yazir-original-hak-dini-kuran-dili/Fahruddin%20Er-Razi%20-%20Tefsir-I%20Kebir-09.pdf (besucht: 26/02/2026)).



3 D.G. Dunn, Christology in the Making, An Inquiry into the Origins of the Doctrine of the Incarnation SECOND EDITION, SCM Press, London, 1989, ss. 114-121.


4 „In accordance with this design, Mary the Virgin is found obedient, saying, Behold the handmaid of the Lord; be it unto me according to your word. Lk. 1:38" (Irenäus of Lyons, Against Heresies, Bk. III: 22,4, in https://www.newadvent.org/fathers/0103322.htm (besucht: 16/12/2024)).


5 Die eckigen Klammern wurden vom Autor eingefügt.


6 „And the trespass which came by the tree was undone by the tree of obedience, when, hearkening unto God, the Son of man was nailed to the tree; thereby putting away the knowledge of evil and bringing in and establishing the knowledge of good: now evil it is to disobey God, even as hearkening unto God is good. And for this cause the Word spake by Isaiah the prophet, announcing beforehand that which was to come — for therefore are they prophets, because they proclaim what is to come: by him then spake the Word thus: I refuse not, nor gainsay: I gave my back to scourging, and my cheeks to smiting; and my face I turned not away from the shame of spitting. So then by the obedience wherewith He obeyed even unto death, hanging on the tree, He put away the old disobedience which was wrought in the tree. Now seeing that He is the Word of God Almighty, who in unseen wise in our midst is universally extended in all the world, and encompasses its length and breadth and height and depth — for by the Word of God the whole universe is ordered and disposed — in it is crucified the Son of God, inscribed crosswise upon it all: for it is right that He being made visible, should set upon all things visible the sharing of His cross, that He might show His operation on visible things through a visible form. For He it is who illuminates the height, that is the heavens; and encompasses the deep which is beneath the earth; and stretches and spreads out the length from east to west; and steers across the breadth of north and south; summoning all that are scattered in every quarter to the knowledge of the Father› (Irenäus, THE DEMONSTRATION OF THE APOSTOLIC PREACHING, Punkt 34, in https://www.ccel.org/ccel/irenaeus/demonstr.preaching_the_demonstration_of_the_apostolic_preaching.html (besucht, 08/04/2026)).


7 „In accordance with this design, Mary the Virgin is found obedient, saying, Behold the handmaid of the Lord; be it unto me according to your word. Lk. 1:38 But Eve was disobedient; for she did not obey when as yet she was a virgin. And even as she, having indeed a husband, Adam, but being nevertheless as yet a virgin (for in Paradise they were both naked, and were not ashamed, Gen. 2:25 inasmuch as they, having been created a short time previously, had no understanding of the procreation of children: for it was necessary that they should first come to adult age, and then multiply from that time onward), having become disobedient, was made the cause of death, both to herself and to the entire human race; so also did Mary, having a man betrothed [to her], and being nevertheless a virgin, by yielding obedience, become the cause of salvation, both to herself and the whole human race…And thus also it was that the knot of Eve’s disobedience was loosed by the obedience of Mary. For what the virgin Eve had bound fast through unbelief, this did the virgin Mary set free through faith" (Irenäus of Lyons, Against Heresies, Bk. III: 22,4, in https://www.newadvent.org/fathers/0103322.htm (besucht: 16/12/2024)).

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